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Melanchthon und die Alten Sprachen

Festvortrag anlässlich der Verleihung der Stipendien der
Studienstiftung des deutschen Volkes an die Sieger des
»Rerum Antiquarum Certamen 2009/10« am 5. Juni 2010
in der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel

gehalten von
Heike Schmoll

(nicht überarbeitetes Redemanuskript)

Wer heute noch Latein und Griechisch lernt, gerät leicht in Rechtfertigungszwänge und Nützlichkeitsbegründungen. Es wäre doch so viel plausibler, neben Englisch auch Spanisch und andere Fremdsprachen zu lernen. Latein mag ja noch angehen, aber Griechisch? Spätestens dann beginnen die hilflosen Argumentationen der so in Frage Gestellten: die Fremdwörter, die sich leichter erschließen, die grammatikalische Sicherheit, die Grundlagen vor allem durch das Lateinische, die geistige Welt der Antike. Und dann gibt das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) in Köln eine Studie in Auftrag, die beweisen soll, dass Schüler mit und ohne Latein genauso gut Fremdsprachen lernen können, dass es also nach der Logik der Wirtschaftsfunktionäre nichts bringt, sich den Alten Sprachen zuzuwenden.
Sie, verehrte Stipendiaten, wissen es längst besser: Sie haben vermutlich selbst erfahren, dass der Eigenwert der Alten Sprachen auch und gerade in ihrer vermeintlichen Nutzlosigkeit, in der Unmöglichkeit liegt, sie zu begründen. Das ist ganz ähnlich wie bei der Musik. Die Begründungsversuche für musikalische Früherziehung wirken oft ähnlich hilflos wie die des Alte-Sprachen-Lernens.

Auch wenn sich wieder viele Eltern für Latein entscheiden, weil es seit neuestem gleichzeitig mit Englisch angeboten wird, sich also die Entscheidung für die eine oder andere Sprache umgehen lässt, ist das Griechische trotz aller Sonderregelungen für kleine Klassen bedroht. Es fehlen Lehrer und oft genug auch Schüler. Griechisch hat in Konkurrenz zu Französisch, Italienisch oder Spanisch oft schlechte Chancen.

Vor etwas mehr als fünfhundert Jahren sah es für das Griechische in Deutschland noch schlechter aus. Ein Wettbewerb wie dieser wäre ganz undenkbar gewesen. Seit Karl dem Großen war Griechisch zwar nie ganz verschwunden, jedoch reduziert auf das Schreiben von Buchstaben und Fremdwörtern im Lateinischen und auf die Erklärung griechischer Namen. Es wurden keine Klassiker mehr im Original gelesen, geschweige denn Grammatik betrieben. Erst mit dem 15. Jahrhundert begannen Humanisten allmählich, griechische Werke zu sammeln. Selbst am Ende des 15. Jahrhunderts gab es nur etwa zehn Gelehrte in Deutschland, die Griechisch konnten. Denn Griechisch wurde hierzulande heftig abgelehnt.

Dafür hatte vor allem die Kirche gesorgt, für die alles Griechische unter dem Verdacht der Ketzerei stand; die Aristoteles-Schelte Luthers hatte das Ihre dazu getan.
Befürchtet wurde aber vor allem, dass die breite Kenntnis der Urtexte die bisherige Theologie und Philosophie in Frage stellen könnte. Mit anderen Worten: wenn das Licht der philologischen Textkritik auf manch mittelalterliches Denken fiele, könnte dies erschüttert werden. Manch kirchliche und philosophische Lehre hätte sich als pures Konstrukt entpuppen können, das durch keinerlei Textgrundlagen gedeckt ist.

Den damaligen Humanisten fehlte es zwar nicht an Begeisterung für das Griechische, aber an Lerngelegenheiten. Es gab schlicht und ergreifend kein Unterrichtsmaterial, und das Vorhandene war so unbrauchbar wie die 1501 erschienene Grammatik von Nikolaus Mar­schalk, in der durchgängig Akzente und Spiritus fehlten.

Es wird Sie also nicht wundern, dass Philipp Melanchthon, von dem hier die Rede sein soll, nach einigen anderen Humanisten im Jahre 1518 – damals war er in Tübingen – eine griechische Grammatik veröffentlichte, die genau die Schwächen der früheren Werke zu beheben suchte. Er behandelte die Buchstaben, die Klanggebung der Silben (Prosodia), die Akzente und Spiritus. Es folgten dann Formenlehre mit Wortarten und zum Schluss zwei Homerstellen aus der Ilias und dem homerischen Hermes-Hymnos. Syntax war damals kein Thema für Grammatiken, denn die syntaktischen Regeln konnten schon aus dem Lateinischen als bekannt vorausgesetzt werden. Trotzdem war es ein neuer Stil eines Lehrbuchs. Melanchthon versuchte sich nämlich in die Lernenden zu versetzen, den Stoff aus ihrer Perspektive darzustellen, Verständnishilfen anzubieten, Beispiele aufzuführen. Er warf immer wieder Seitenblicke auf das Lateinische, also all das, was Sie aus Ihren Schulbüchern als ganz selbstverständlich kennen, was aber damals alles andere als gängig war. Es verwundert also nicht, dass seine Grammatik zu der am häufigsten benutzten im 16. Jahrhundert wurde – sie wurde zu dem Standardwerk schlechthin –, und zwar über die Konfessionsgrenzen hinweg, also bei Anhängern der Reformation wie bei Katholiken.

Für uns kaum noch vorstellbar ist die enorme Vorherrschaft der lateinischen Sprache, deren kulturelle Autorität zu Melanchthons Zeiten ganz außer Frage stand. Das war eigentlich schon seit Petrarcas Zeiten so – Sie kennen ihn sicherlich von seinem eindrucksvollen Bericht von der Besteigung des Mont Ventoux in der heutigen Provence. Um das Latein hatte sich ein regelrechter Mythos gebildet, als dessen Heros Cicero verehrt wurde. In den Vorlesungen der damaligen Zeit wird das sichtbar. Melanchthon las als Professor einmal in der Woche über Ciceros De officiis. Dem heutigen Lateinunterricht könnte Melanchthon überhaupt nichts abgewinnen, weil er vor allem auf passive Sprachbeherrschung aus ist. Durch bloßes Zuhören oder bloße Lektüre werde die Schärfe des Geistes abgestumpft, war seine Überzeugung, durch das eigene Abfassen von lateinischen Texten werde der Geist aufgeweckt. Nur wer sich selbst im Schreiben versucht habe – und zwar sowohl in Poesie als auch in Prosa –, könne auch den Stil anderer beurteilen. Er selbst hat nach dem Urteil seiner Zeitgenossen einen ausgezeichneten lateinischen Stil geschrieben. Latein war für ihn eine Gebrauchssprache, wie es Englisch heute für weite Teile der Bevölkerung geworden ist. Man wird allerdings voraussetzen können, dass die Lateinkenntnisse damaliger Zeitgenossen weit über das Niveau des BSE (Basic Simple English) vieler Menschen heute hinausgekommen sein dürfte.

Dass ich ihnen zu diesem festlichen Anlass Melanchthons Bildungsverständnis vertrauter machen möchte, in dem die Alten Sprachen eine ganz zentrale Rolle spielen, hängt nicht nur mit dem vor einigen Wochen, am 19. April begangenen 450. Todestag zusammen. Vielmehr erscheint es mir als eines der interessantesten Bildungskonzepte innerhalb der frühen Neuzeit und beileibe nicht ohne Bedeutung für heutige Bildungsüberlegungen.
Melanchthon ist neben Luther der zumeist verkannte zweite Mann im Wittenberg der Reformation. Ohne ihn hätte es kaum eine deutsche Bibelübersetzung gegeben. Als Luther mit seinem Manuskript von der Wartburg zurückkehrte, war es voller Lücken, die philologische Richtigkeit war keineswegs gewährleistet. Schließlich war Luther eingesperrt und hatte wenige Hilfsmittel. Die Arbeitsteilung der beiden muss man sich ungefähr so vorstellen: Luther war für die treffenden deutschen Formulierungen zuständig und Melanchthon sorgte dafür, dass die Übersetzungen korrekt waren, also für die philologische Richtigkeit. Er ging Wort für Wort mit Luther durch; es war eine monatelange Feinarbeit.

Melanchthons Konzept der Sprachbeherrschung

Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 in der badischen Stadt Bretten geboren, damals direkt an einer Handelsstraße vom Rhein bis zum mittleren Neckar gelegen. Der Vater, Georg Schwartz­erdt, war ein begabter Waffenschmied, Fachmann für Kanonen und Artelleriewesen. Kurfürst Philipp der Aufrichtige von der Pfalz beförderte ihn als jungen Mann zu seinem Rüstmeister. Es war der Kurfürst selbst, der die Ehe zwischen seinem 35 Jahre alten Rüstmeister und der sechzehn Jahre alten Barbara Reuter, der Tochter eines wohlhabenden Textilhändlers aus Bretten, vermittelte. Zu Ehren des Kurfürsten nannten die Eltern ihren ersten Sohn Philipp. Der Vater glaubte – wie Gebildete der damaligen Zeit – an die Astrologie. Gleich nach der Geburt seines Sohnes hatte er ein Horoskop anfertigen lassen, in dem gewarnt wurde, der Sohn solle sich vor der Ostsee hüten, denn er könne dort Schiffbruch erleiden. Melanchthon hielt sich zeitlebens daran, schlug Einladungen nach England, Kopenhagen oder Riga ab, weil er sich nicht auf See begeben wollte.

Wegen der fortwährenden Reisen des Vaters im Auftrag des Kurfürsten wuchs Philipp mit seiner Mutter und den Geschwistern im Haus des Großvaters auf, der bald die enorme Sprachbegabung seines Enkels erkannte. Wie Luther kam Melanchthon mit vier Jahren in die Schule.

Als der Großvater von der Syphilis-Erkrankung des Schulmeisters erfuhr, behielt er seinen Enkel zuhause und übergab ihn einem Hauslehrer, der Melanchthon schnell über die Anfangsgründe des Lateinischen hinausführte. Der Tod des Großvaters und des Vaters (der vermutlich durch eine Schwermetallvergiftung durch seinen Beruf erkrankte) binnen weniger Wochen hinterließ einen tiefen Eindruck im Leben des Elfjährigen. Der besuchte nun die Lateinschule in Pforzheim und wohnte bei der Schwester des Humanisten Johannes Reuchlin. Wegen seiner Studien zur Textkritik, zu Grammatiken und Lexika und Veröffentlichungen zu griechischen und hebräischen Schriften galt Reuchlin als der Humanist, der sich die gesamte geistige Welt der Antike eigenständig anzueignen vermochte. Er wurde Melanchthons Vorbild; Reuchlin verfolgte interessiert die Fortschritte des Zwölfjährigen. Als Anerkennung für einige lateinische Verse schenkte Reuchlin ihm am 15. März 1509 die griechische Grammatik des Konstantin Laskaris mit einer lateinischen Widmung, die einer Humanistentaufe gleich kam. Denn aus Schwartzerdt wurde nun Melanchthon. Griechisch war an der Lateinschule kein ordentliches Schulfach, aber der Rektor und sein Gehilfe unterwiesen Melanchthon und einige andere begabte Schüler nach Schulschluss darin.

Vermutlich auf Reuchlins Rat immatrikulierte er sich mit zwölf Jahren an der Universität Heidelberg, wo er bei Reuchlins Freund, dem Theologieprofessor Pallas Spangel wohnte und diesem als Famulus diente. In Spangels Haus verkehrte ein anderer Humanist aus dem Elsass, der selbst schon Lehrbücher geschrieben hatte und Melanchthon für Gespräche zur Verfügung stand. Den jungen Studenten forderte er dazu auf, ihm ein griechisches Gedicht für die in Heidelberg entstandenen Texte beizusteuern.

Wie an der mittelalterlichen Universität üblich, absolvierte Melanchthon zunächst das Grundstudium, also die Septem artes liberales, bestehend aus Trivium (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) und Quadri­vium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik). Der Stoff war verschult und wurde durch offiziell festgelegte Lehrbücher vermittelt; Studienortwechsel waren also leichter als im Bologna-Zeitalter, da die Module heute nicht übereinstimmen.

Im Sommer 1512, nach dem Tod seines Gönners Spangel, wechselte Melanchthon nach Tübingen, um dort das Quadrivium zu beginnen, das er 1514 mit dem Magistergrad abschloss. Seither war er Lehrer in den Grundwissenschaften, also in den Artes liberales und zugleich Student der Theologie. Beraten wurde er weiterhin von Reuchlin, der als Richter des Schwäbischen Bundes oft genug in Tübingen war, aber in Stuttgart wohnen blieb.

Melanchthon wohnte und arbeitete in der Burse am Rande der Altstadt. Wichtiger als die theologischen Vorlesungen, die ihm ziemlich öde erschienen, waren ihm seine Lektüre, vor allem die Schriften des Erasmus von Rotterdam, und die Perfektionierung seiner griechischen Sprachkenntnisse sowie Geschichte.
Trotz seiner großen pädagogischen Erfolge wurde ihm Tübingen alsbald zu eng. Denn die Tübinger Lehrtätigkeit hinderte ihn an freier Wissenschaft. Reuchlin wusste von der Unzufriedenheit seines Schützlings. Als der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ihn nach einem Gräzisten für den neuen Lehrstuhl der 1502 gegründeten Universität in Wittenberg fragte, verwies er auf Melanchthon, der nächst dem Holländer Erasmus der begabteste Gelehrte sei. Luther und andere hätten lieber den Leipziger Gräzisten Petrus Mosellanus nach Wittenberg berufen, doch der Kurfürst hielt sich an Reuchlins Empfehlung und holte Melanchthon. Schon Ende Juli trennte er sich von seinem Förderer, der ihm noch einmal einen hymnischen Abschiedsbrief schrieb und brach zu einer vierwöchigen Reise ins gut 700 Kilometer entfernte Wittenberg auf.

Der Universitätslehrer und Schulgründer

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft, am Samstag, den 28. August 1518, hielt Melanchthon vor Luther und einem großen Auditorium in der Schlosskirche seine Antrittsvorlesung »Über die Studienreform« (De corrigendis adulescentiae studiis). Der schmale und schüchtern wirkende junge Mann mit seinen hängenden Schultern, mit der schnarrenden Stimme und leicht lispelnden Redeweise hätte bei keinem der neuen Auftrittsberater und Image-Polierer auch nur den geringsten Erfolg gehabt. Aber vielleicht haben sie doch nicht recht, wenn angeblich nur das Äußere über den Erfolg einer Rede entscheidet.

Melanchthon erwies sich als Vorkämpfer der Renaissance und versetzte seine Hörer in regelrechte Begeisterung. Er kritisierte die scholastische Philosophie, das veräußerlichte Zeremonienwesen der Kirche und geißelte die Unkenntnis der Alten Sprachen, die ihm als Unbildung und regelrechte Barbarei erschien. Er sprach von tenebrae und barbaries, Finsternis und Sprachverwilderung, bediente sich also der beiden humanistischen Topoi, die dem eigenen Anliegen der Spracherneuerung, der Rückkehr zu den griechischen Quellen, den Weg ebnen sollten.

Die Studenten der Artistenfakultät wollten keine Grammatik und Logik mehr lernen, sondern sofort die brennenden Heilsfragen studieren, die aber einer der obersten Fakultäten (Theologie) vorbehalten waren und ohne die nötigen Grundkenntnisse geradewegs in die Schwärmerei führten. Dasselbe galt übrigens für die Studenten der anderen beiden obersten Fakultäten, für die angehenden Mediziner und die Juristen. In beiden Fächern waren sämtliche Originaltexte auf Griechisch.
»Den Griechen gab die Muse Talent, den Griechen verlieh sie, in gerundeter Sprache zu reden«, zitiert Melanchthon aus der Ars poetica des Horaz.
Wer nichts von der Sprachwissenschaft, gemeint ist, der Kenntnis der beiden Alten Sprachen wissen wolle, »renne wie ein Schwein in die Rosen«, sagte Melanchthon später. Und er war davon überzeugt, dass Barbarei und Unglaube einander bedingten – in modernen Worten: dass es unbedingt nötig war, Glauben und Wissen voneinander zu unterscheiden, die Kategorien sauber auseinanderzuhalten.

Griechisch zu lernen galt damaligen Studenten als arrogant, das Hebräische als unsicher, überhaupt erschien die Mühe den meisten größer als der Nutzen. In den Wirren des Übergangs zur Neuzeit waren mit dem Zerfall der Studiendisziplin auch die akademischen Grade verpönt: »Jetzt sind alle jene Grade zerbrochen, und man treibt es ohne Ordnung. Wie Pilze schießen plötzlich Theologen, Juristen und Mediziner auf, ohne Grammatik, ohne Dialektik, ohne Plan im Lernen«, kritisierte Melanchthon. Zu den Quellen zurückzukehren, sich nicht mit Sekundärtexten zu begnügen, legte er den Studenten nahe. Denn die »Missachtung des Griechischen, die Unkenntnis der Mathematik und die Verwahrlosung der Theologie gehen Hand in Hand«. Diese Erkenntnis war die Grundlage für die Entwicklung des reformatorischen Schriftprinzips als kritischer Leitfaden für jegliche kirchliche Lehre. Es war aber vor allem der Beginn einer historisch-kritischen Methode, die sowohl in der Bibelauslegung als auch in der altsprachlichen Philologie völlig neue Perspektiven eröffnete.

Natürlich war es eine Bildung, die Eliten vorbehalten blieb, und sicherlich war es schon damals ein frommer Wunsch, wenn Melanchthon in seiner Begeisterung meint: »Alle Sterblichen sollten Griechisch lernen.«
Leitend für die umfassende Bildung, die er Studenten der Artistenfakultät nahe legte, war das gezielte Quellenstudium: »Aus den besten Autoren wähle das Beste, sowohl was die Kenntnis der Natur als auch die Bildung der Persönlichkeit betrifft«, also das der jeweiligen individuellen Entwicklung angemessene und förderlichen.

Auch das könnte Erasmus von Rotterdam noch ähnlich formuliert haben. Aber Melanchthon geht noch weiter.
Er verdammt das maßlose Hören und Lesen, weil es die Urteils­fähigkeit trübt und legt den Studenten nahe, ihren Verstand durch einen klaren Stil zu schärfen.
»Die meisten halten es für eine Abkürzung zur Bildung, wenn sie möglichst viel hören oder lesen. Deshalb laufen sie ganze Tage hinauf und hinunter, quälen sich durch alle Schulen hindurch, hören sich durcheinander alle möglichen Lehrer an und bewundern die, die sie nicht verstehen, notieren was sie ihnen vorsagen, schreiben die Überschriften kurzer Inhaltsangaben mit besonders großen Buchstaben und verzieren sie mit Zinnober. […] Es ist ein Zeichen fehlender Urteilskraft, wenn jemand alles mögliche minderwertige Zeug begierig anhört oder liest, um nicht zu wenig Stoff zu durchstreifen. Wenn sie jemand zu sich bringt und fragt, worauf sie eigentlich mit dieser Art des Lernens hinauswollten, welches Ziel, welchen Zweck sie dabei vor Augen hätten, dann muss er feststellen, dass sie ähnlich wie Verrückte nicht wissen, was sie tun.« Und er fährt fort: »Die Gewinnsucht treibt die einen zum juristischen Studium und zur Medizin, andere drängen sich zur Theologie, bevor sie in den sprachlichen Studien einigermaßen weitergekommen sind.«

Mit anderen Worten: die Kunst liegt in der Beschränkung und in der gründlichen Lektüre weniger entscheidender Texte. Vielleicht erinnern Sie, verehrte Stipendiaten, sich einmal daran, dass Ihre altsprachlichen Kenntnisse Ihnen viel von der Urteilskraft vermittelt haben, die Sie brauchen, um ein Studium nach Bologneser Art unbeschadet zu überstehen.

Promoviert wurde Melanchthon nie, er hätte dann an eine der drei oberen Fakultäten wechseln müssen. Er zog es vor, als Magister an der Artistenfakultät für eine breite Grundbildung zu sorgen. Spätestens damit wurde klar, dass Melanchthon sich ganz der reformatorischen Bewegung Wittenbergs verschrieben hatte. Reuchlins letzter Versuch, ihn dem protestantischen Zentrum zu entziehen und für eine Berufung in Ingolstadt zu gewinnen, lehnte Melanchthon ab.
Als sein humanistischer Lehrer 1522 als treuer Katholik in Stuttgart starb, hatte er Melanchthon enterbt, dem ursprünglich seine kostbare Bibliothek zugedacht war.
Melanchthons Hauptwerk jener Zeit, die Loci communes rerum theo­logicarum seu Hypotyposes theologicae (Allgemeine Grundbegriffe theo­logischer Sachverhalte, oder: Theologische Entwürfe) bildete die erste systematische Zusammenfassung der reformatorischen Verkündigung und Lehre auf biblischer Grundlage.

In Wittenberg kümmerte sich Melanchthon allerdings nicht nur um die Theologie, sondern auch um die Förderung der Naturwissenschaften, um Physik, Astronomie, Mathematik und Medizin. Das ging nicht ohne hervorragende Griechischkenntnisse, denn die gesamte Naturwissenschaft war bei den griechischen Autoren zu finden. Um für die Naturwissenschaften zu werben, ließ Melanchthon einmal im Monat über entsprechende Themen disputieren. Er selbst sammelte Landkarten und pflegte nicht nur historische, sondern auch geographische Interessen – er war es, der Geographie als Schulfach etablierte.

Seine Vorlesungen waren bald besser besucht als die Luthers. Er war ein begabter Pädagoge, der eine Mischform zwischen Vorlesung und Übung in der Lehre einführte, Rückfragen aufzunehmen versuchte, praktische Hilfen anbot und den Stoff so anschaulich wie möglich vermittelte. Er verfügte, modern ausgedrückt, über eine hohe fachdidaktische Begabung – und er hat sie gewiss nicht in einem Kompetenzzentrum für Didaktik gelernt. Fortwährende eigene Forschung befruchtete seine Lehre. Kurz nach seiner Heirat gründete er 1519/20 eine Privatschule. Die oft noch sehr jungen Studenten wohnten, lernten, lebten und aßen im Hause des Lehrers, der für einen fast klöster­lichen, festgelegten Ablauf des Tages mit Vorlesungen, Übungen und Zeiten zum eigenständigen Lernen sorgte. Weil er sich nicht nur begabte Studenten aussuchen konnte, sondern auch die Kinder angesehener Persönlichkeiten aufnehmen musste, hatte er es mit einer äußerst heterogenen Gruppe zu tun. Für die Studenten mit Minimalkenntnissen verfasste er kurzerhand ein Handbuch für den Elementarunterricht (Enchiridion elementorum puerilium) mit Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Bibeltexten und den Aussprüchen der klassischen Antike.

Und er hat auch ganz schön stöhnen können als Lehrer: Nicht einmal im Zuchthaus könnten die Menschen unglücklicher sein als Lehrer. Die Aufgabe, Schüler zu unterrichten, sei so undankbar wie die, »ein Kamel tanzen oder einen Esel Flöte spielen zu lehren.« Der Lehrer arbeitet oft völlig vergeblich (frustra) – da macht sich Melanchthon nichts vor. Nur wenn es gar nicht mehr anders geht, nehmen die Schüler ein Buch in die Hand. »Ihr Geist und ihre Augen gehen jedoch spazieren«, stellt er ernüchtert fest. Ihre Undankbarkeit sei so notorisch wie die der Eltern. Die Eltern dächten nicht daran, den Lehrer für die Lern­erfolge ihrer Kinder zu loben, machten ihn aber um so unerbittlicher für die Mängel verantwortlich.

Als er 1523/24 Rektor der Wittenberger Universität wurde, setzte er eine neue Studienordnung für die Artistenfakultät durch, die im Bologna-Zeitalter geradezu neuzeitlich wirkt. Jeder Student bekam einen Tutor, einen Pädagogen, der seinen individuellen Studienplan festlegte, ihm antike Schlüsseltexte für seine intellektuelle und persönliche Entwicklung vorschrieb, die Fortschritte überprüfte, schriftliche Übungen korrigierte und auf die Lebensführung seines Studenten achtete. Zweimal im Monat gab es Deklamationen (Redeübungen). Während seines Rektorats ordnete er die Verwaltung, die Studienorganisation, die Leistungsnachweise und die Berufung von Hochschullehrern neu, wobei er wiederum dafür sorgte, dass die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächer gut vertreten waren. Er selbst las montags Dialektik, dienstags über Ciceros De officiis, mittwochs und samstags Geschichte, am Donnerstag über den Kolosserbrief, am Freitag über das Nicänum, und an den Sonn- und Feiertagen legte er das Tagesevangelium vor dem Gottesdienst lateinisch aus. »Diese Verbindung von Philosophie, biblischer Exegese, systematischer Theologie und Historiographie in einer Person war nicht zu wiederholen« (Heinz Scheible). Nach seinem Tod mussten die Vorlesungen auf mehrere Kollegen verteilt werden. Melanchthon war ein Polyhistor, der die gesamte Bildung seiner Zeit zu bündeln wusste. Bei den Universitätsgründungen von Marburg (1527) und Königsberg (1544) sowie bei den Universitätsreformen in Tübingen (1535), Leipzig (1539), Frankfurt an der Oder (1540) und Heidelberg (1557) wurde der Wittenberger zu Rate gezogen.

Er war kein unpraktischer Stubengelehrter, sondern ging während und nach dem Bauernkrieg daran, städtische Lateinschulen zu gründen oder neu zu organisieren. Die erste Schule entstand in Eisleben, die nächste in Magdeburg, es folgte eine Stadt nach der anderen, darunter Goslar, Lüneburg und Nürnberg. In Nürnberg sollte die Lateinschule das gesamte Programm der Artistenfakultät vermitteln. An den übrigen Schulen teilte Melanchthon die Schüler in drei »Haufen« ein. In der ersten Stufe wurden Lesen, Schreiben und Latein gelehrt, in der zweiten Stufe die lateinische Grammatik, einfache lateinische Texte, sowie das Schreiben lateinischer Verse und Reden mit viel Auswendiglernen. Auf allen Stufen dienten Musik und Bewegung zur Auflockerung des Unterrichts. In der dritten Gruppe mussten die Schüler lateinische Gedichte und ganze Reden verfassen, Rhetorik und Dialektik wurden gelehrt, Vergil, Ovid, Cicero gelesen und neben Musik auch Mathematik unterrichtet. Wer wollte, konnte auch Griechisch und Hebräisch lernen. Es ging Melanchthon nicht nur um die Eliten, sondern um die Bildung der breiten Masse, auch um die Bildung der Mädchen und um Bildung und Kultur im umfassenden, auch ästhetischen Sinne.

Es war nur konsequent, dass Melanchthon nicht nur Leitfragen für schulische Visitationen entwickelte, sondern auch für die Visitation der Pfarrer, die einer modernen Evaluierung entsprach. Melanchthon wusste, wie unwissend manche Pfarrer selbst bei schlichtem Katechetenwissen waren. Manche unter ihnen waren halbe Analphabeten, die einfach die Messliturgie auswendig gelernt hatten, aber zu keinem theologischen Gedanken fähig waren. Auch ihre Sittenlosigkeit konnte die Visitationskommission, der neben Beamten wiederholt auch Luther und Melanchthon angehörten, nur alarmieren: Viele lebten im Konkubinat und waren dem Alkoholismus verfallen. Melanchthon trat ihnen in seiner Schrift Unterricht der Visitatoren in 18 Abschnitten als seelsorgerlicher Berater und Volkspädagoge gegenüber, dem es um die Vermittlung elementarer Kenntnisse auf biblischer Grundlage ging. Er hat also für eine Akademisierung des Pfarramts gesorgt, die heute ganz selbstverständlich erscheint und doch schon wieder so fern. Denn es lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln, dass sich heutige Theologen wirklich der philologischen Mühe aussetzen, den griechischen Urtext zu Rate zu ziehen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Es ist bequemer, internetpredigten herunterzuladen oder Predigthilfen abzuschreiben. Ich sage das nicht, um wohlfeile Kirchenschelte zu schüren, sondern als Beispiel für eine verpasste Chance, eine eigene Haltung zu einem Text zu finden.

Melanchthons voraufklärerischer Appell

Selbst zu denken, sich ein eigenes Urteil zu bilden, das klingt in der Tat wie Kants späteres »Sapere aude« – habe den Mut, dir ein eigenes Urteil zu bilden. Meine sehr verehrten Damen und Herren. Die Angepasstheit mancher Abiturienten und Studenten, die nur nach den Anforderungen schielen und diese zu erfüllen suchen, denen der Durchschnitt beim Abitur wichtiger ist als die Inhalte, die sie lernen, sind irritierend. Ich weiß, dass der Wettbewerb härter geworden ist, die Umwelt eisiger. Aber es ist doch interessant, dass ausgerechnet diejenigen, deren Forderungen man durch solche Stromlinienförmigkeit zu erfüllen sucht, die Wirtschaftsvertreter, zunehmend nach Persönlichkeiten suchen. Noten, Bildungszertifikate, Auslandspraktika, das bietet heute nahezu jeder Bewerber – aber Selbständigkeit, Eigenständigkeit und Charakter?

Wenn Sie in nicht allzu langer Zeit eine Universität besuchen, fordern Sie ein, dass die Universität ein Ort der Erkenntnis ist und bleibt. Und das hat Europa nicht nur den Renaissancephilosophen und Florenz und Padua zu verdanken, sondern auch der Wittenberger Reform durch Melanchthon. Das Ziel des universitären Studiums ist methodengeleitete Erkenntnis, aber diese möglichst intensiv und ungestört. Wenn der Universität ein Bildungswert zukommt, liegt er in der mitteilbaren und nach Regeln kritisierbaren Erkenntnis. Die Universität soll Lehre und Forschung, Lehrende und Forschende vereinen; auch das ist eine Folge Melanchthons, später durch Schleiermacher, Fichte und Wilhelm von Humboldt wieder aufgegriffen. Ihre Erörterung folgt Regeln, die schon eingeübt sind oder eingeübt werden müssen und die es ermöglichen, dass jeder Schritte bezweifeln kann, die scheinbar einträchtig, womöglich voreilig vollzogen wurden.

Sackgassen sind nicht ausgeschlossen, Nebenwege führen möglicherweise auch zum Ziel. All das erfordert Zeit. Das Ergebnis eines solchen Erkenntnisprozesses ist offen, der kritische vernünftige Einspruch bleibt jederzeit möglich. Der Mut, sich des eigenen kritischen Verstandes zu bedienen, mündig sein, selbst denken können, soll das Ergebnis sein. Solch ein Mut knickt nicht ein vor Autoritäten und Scheinautoritäten, sondern bleibt kritisch gegenüber allen Lehren, die zu bezweifeln methodisch möglich ist. Er macht hellhörig gegenüber den pseudowissenschaftlichen Behauptungen, die aus dem Boden schießen. Die Ergebnisse werden publiziert, und an der gesamten Erkenntnis nimmt die interessierte Öffentlichkeit teil. Solche Universitäten als Orte der Erkenntnis sind das, was sie als wissenschaftliche Institution immer schon waren und durch die modernen Mittel der Kommunikation verstärkt werden: Sie sind international, ja global. Die einzelnen Wissenschaftler arbeiten mit Kollegen aus Tokio vielleicht enger zusammen als mit den Kollegen in der eigenen oder benachbarten Stadt, und die Studierenden sind international. Ich wünsche Ihnen, dass Sie eine Universität oder auch eine andere Ausbildungsstätte finden mit einem weiten Horizont, die ihr Ziel in der kritischen öffentlichkeitsnahen Erkenntnis sieht. Interessiert an solchen selbständig denkenden jungen Menschen ist die aufgeklärte Zivilgesellschaft, die durch kritische Erkenntnis belehrt werden möchte. Jeder mündige moderne Bürger hat ein unbedingtes Interesse an kritischen wissenschaftlichen Untersuchungen der Kultur und Gegenwart, an der er tätig und gelegentlich auch leidend teilnimmt. Er weiß, dass die demokratische Öffentlichkeit ohne die kritische, von keinerlei fremden Interessen gesteuerte Forschung verwahrlost, auch wenn er es nicht immer wahrhaben will. Die selbständige Erkenntnis ist der Katalysator und das Maß kritischer Zeitungen, die letzte Instanz gegen eine nationalistische Verdrehung der eigenen und fremden Geschichte, gegen manchen modernen Positivismus, der hinter das 19. Jahrhundert zurückfällt. Die einzige Institution, die davor retten kann, sind gute kritische Universitäten und verantwortliche Akademiker. Die Zivilgesellschaft hat an ihnen nicht nur ein Interesse, sondern ein Recht, so wie sie ein Recht auf flächendeckende medizinische Versorgung hat.

Gerade die sogenannte Wissensgesellschaft – vielleicht ist es eher eine Informationsgesellschaft – braucht diejenigen, die zur kritischen Reflexion fähig sind, die zur Entzifferung der immer unlesbareren Welt beitragen. Darauf sind Sie durch die Alten Sprachen, die sie frühzeitig in fremde Welten geführt haben, bestens vorbereitet.

Sie kennen den Unterschied zwischen Information als Mittel des Wissenstransports und einer eigenen Wissensform, der vielen nicht mehr plausibel ist. Wer Wissen durch Information ersetzt, muss darauf vertrauen, dass Informationen stimmen, wenn er sie nicht selbst überprüfen kann. Denn Wissen kann sich nur der Wissende aneignen, weil er gelernt hat, sich methodisch und kritisch mit dem über Informationen transportierten Wissen auseinanderzusetzen.
Es gibt sie doch längst, die neuen Formen des Analphabetismus, die Texte nur noch als Informationslieferanten lesen. In Wirklichkeit geht es um weit mehr als um die Entzifferung von Buchstaben: Es geht um das Zeichenlesen der Umwelt, es geht um die Erfassung von Gesamtzusammenhängen. Sie gelingt immer weniger, wie sich an immer kleinteiligeren, spezielleren Forschungsgebieten zeigt. Die digitale Revolution fordert eine neue und verfeinerte hermeneutische Fähigkeit der Deutung und Analyse. Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Mut haben, als wache Zeitgenossen mit Texten und Subtexten umzugehen, und auch den Mut, sich kritisch zu äußern. Manchmal fördert das nicht die Geselligkeit, es kann sogar einsam machen. Ich hoffe für Sie – und das ist jetzt Lessing und nicht Melanchthon – auf den »Sauerteig der Erkenntnis«. Sie macht frei, und diese geistige Freiheit wünsche ich Ihnen.

 

Heike Schmoll, geb. 1962 in Villingen, studierte Germanistik und Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist sie in der Nachrichtenredaktion (Innenpolitik) für die Ressorts »Bildungspolitik« und »protestantische Theologie und Ökumene« verantwortlich. 2002 erhielt sie die Ehrendoktorwürde (Dr. theol. h. c.) der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen.