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Vom Nutzen des Unnützen – oder: Warum Griechisch?
von
Eugen Drewermann

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

die chrónoi chryseĩs, die goldenen Zeiten, gehen dahin, da es üblich war, pubertierenden Jungen sechs Jahre lang vier Stunden die Woche Griechisch beizubringen, beginnend mit Xenophons „Anábasis“ über Herodots Perserkriege, Homers Epen, des Thukydides Peloponnesischen Krieg bis hin zu den Reden des Sokrates und den Dialogen Platons. Noch Schopenhauer, als er vor 160 Jahren den 2. Bd. seiner „Welt als Wille und Vorstellung“ bearbeitete, glaubte, alle lateinischen und griechischen Zitate, im Unterschied zu den englischen und französischen, unübersetzt lassen zu dürfen, weil, wenn man, wie er sicher dachte, in 500 Jahren seine Werke lesen werde, man der klassischen Sprachen unter den Gebildeten immer noch so mächtig sein werde wie vor 500 Jahren. Doch da irrte der Philosoph. Wer heute ein Fach studiert, das einen gänzlich griechischen Namen trägt wie Paläontologie oder wie Neurologie, wird in großem Umfang dem Kauderwelsch lateinisch-griechischer Mischbegriffe begegnen. Da hört er beispielsweise in der Hirnanatomie von der Amygdala (dem Mandelkern), dem Hypothalamus (dem unter dem Brautbett Gelegenen, – auf solche Worte muß man erst mal kommen!) und der Hypophyse, – alles griechische Begriffe; zwischen Hypothalamus aber und Hypophyse vermittelt ein Stoff namens CRH – Corticotropes Releasing Hormon. „Cortico“ ist lateinisch „Rinde“, „trop“ ist „hinwendend“, ein griechisches Wort, „releasing“ aber ist englisch – „freisetzend“, und „Hormon“ ist ein griechisches Lehnwort – „der bewegende Stoff“ … Seit 1950 etwa, so zeigt sich, wird die Gelehrtensprache englisch, das Griechische überflüssig, eine bloße historische Erinnerung; mehr noch: es erscheint bildungspolitisch als unnütz. Und das ist wahr. Es nützt nichts zur Vermehrung der Kapitalrendite, es nützt nichts zur Sicherung des Industriestandortes Deutschland, es nützt nichts zum Ausbau der Stellung des Exportweltmeisters, – schließlich stehen wir an 3. Stelle der weltweiten Rüstungsexporte.

Nur: wer so denkt, gerät in Gefahr, ja, er ist dabei, den Wurzeln aller Kreativität und Erkenntnisfreude den Boden zu entziehen. Dafür als erstes stehen die Griechen: Sie waren es, die in der Verbindung von Beobachtung und Mathematik die spezifische Eigenart des Abendlandes, vermittelt um 1200 durch die Araber, begründeten. Alles hatten sie schon erkannt, jubelte Nietzsche, die Methode der Wissenschaft war gefunden, ehe das Christentum, wie er meinte, das alles verdeckte. Was aber war die Geisteshaltung, mit welcher Pythagoras die Gesetzmäßigkeiten am rechtwinkligen Dreieck erforschte? Wie spannt man die Saiten einer Leier, daß sie mit harmonischen Klängen den Gesang des Kosmos hörbar macht? – das unter anderem war seine Frage. Was ist ein vollkommenes geometrisches Gebilde, fragte Platon, und seine Antwort: die Kugel, war so überzeugend, daß Kepler noch um 1600 über sieben Jahre dazu brauchte, sich von der Vorstellung zu lösen, die Planeten bewegten sich auf einer Kreisbahn um die Sonne. Was die Griechen wissen wollten, war die Wahrheit, die geistige Struktur, das Ordnungsmuster in den Dingen; das zu erkennen gelang nur interessenfrei und absichtslos, – man wollte und man brauchte keinen „Nutzen“; dann freilich zeigte sich der Nutzen des Unnützen: der Auftrieb im Wasser erlaubte den Schiffsbau, die Hebelgesetze ermöglichten den Flaschenzug, die Geometrie des Kreises die Konstruktion von Gewölben und Aquaedukten … Wie weit war diese Welt entfernt von der unsrigen, in welcher Forschung wesentlich vorangetrieben wird von der Vorfinanzierung bestimmter Projekte durch Firmen, die unter allen Umständen in Konkurrenz mit anderen Firmen ein bestimmtes Produkt gewinnträchtig auf dem „freien“ globalisierten Markt durchsetzen wollen! Wissen ist Macht, meinte J. St. Mill, – es ist vor allem Geld als die plausibelste Form der Macht, wie sich zeigt. Doch was sind wir, was werden wir für Menschen, wenn wir nicht einmal mehr darüber nachdenken dürfen, was aus so fundamentalen Einsichten wie der Kernphysik oder der Genetik in den Waffenschmieden der Konzerne oder der Agrarindustrie werden kann und was für Leuten wir die besten Erkenntnisse der Wissenschaften anvertrauen? Darf man zum Beispiel die Mathematik, die Sprache Gottes in der Schöpfung, wie noch Galilei glaubte, zu Zwecken nutzen, die bestimmten Gruppenegoismen von Nationen, Machtkartellen oder Bankinstituten dienen? Darf man Wissenschaft nutzen weit unterhalb der Erkenntnisbedingung ihres Zustandekommens? Darf man eine objektive Wahrheit, die für alle gilt, auf rein subjektiv zugeschnittene Spezialinteressen richten, um sich durchzusetzen, um sich zu behaupten? Der junge Faraday gab es auf, im Buchhandel zu dienen, und wandte sich der Physik zu, weil sie ihm aus dem Schmutz ständigen Geschachers eine Befreiung durch interessenunabhängige Wahrheit versprach. Was alles verlieren wir, was alles zerstören wir, wenn keine Räume des Unnützen, des einfach nur Wahren, des einfach nur Schönen mehr offenstehen?

Doch muß man dafür Griechisch lernen? Wohl, Richard Feynmans Vorlesungen über Physik beginnen mit der Empfehlung, ein für allemal das griechische Alphabet zu lernen, um mit der Zeichensprache der Physiker keine unnötigen Schwierigkeiten mehr zu haben; doch diesem Ratschlag kann man bequem an einem Nachmittag nachkommen, ohne jemals etwas von den Verben auf - nymi gehört zu haben. Daß es humanistische Gymnasien in Deutschland gibt, hatte einmal einen ganz bestimmten Nutzen: Die Renaissance, der Humanismus entdeckte die Bedeutung der Quellen des abendländischen Denkens in Rom und Athen noch einmal neu; Erasmus edierte Anfang des 16. Jhs. zum ersten Mal das Neue Testament in seinem griechischen Urtext in wissenschaftlich verantwortbarer Weise. Es war nicht anders möglich: Wer die Sprache Gottes in der Bibel verstehen wollte, der mußte Hebräisch und Griechisch und die Kirchen- und Gelehrtensprache Europas: Lateinisch lernen. Melanchthon war es, der als praeceptor Germaniae das humanistische Gymnasium mit den drei „heiligen“ Sprachen zu einem vorherrschenden Schultyp ausbaute. Aber: wenn Griechisch nützlich ist, das Neue Testament zu lesen, wozu nützt dann das Neue Testament? Zwei Sonderbarkeiten treten da hervor.

Zum einen: Nach Jahrhunderten der Vernutzung des Religiösen für gesellschaftliche und politische Zwecke fühlen viele Menschen sich betrogen: man hätte „Gott“ niemals benutzen dürfen, um patriotische Propaganda damit zu betreiben; „Gott ist mit uns“ als Segnungsspruch auf den Soldatenkoppeln der „Großdeutschen“ Wehrmacht – so hätte Religion niemals „nützlich“ sein dürfen. Zudem geht offenbar die Zeit der Ritualmagie zu Ende, in der man glaubte, mit Gebet und Opfer den Weltenlauf beeinflussen zu können. Zur Welterklärung nützt die Wissenschaft, zur Weltveränderung die Technik; die Religion nutzt nichts, so viel scheint festzustehen. Und doch hat diese Freisetzung der Religion von allem Zweckhaften schon in sich selbst eine überraschende Wirkung: sie öffnet allererst den Raum des Menschlichen! Gefragt nach einer Maxime sittlichen Handelns, antwortete Kant vor 230 Jahren, es müsse der Mensch stets betrachtet werden als Zweck an sich selbst, niemals als Mittel zum Zweck. Wenn dies gilt, ist es unethisch und unverantwortlich, schon die Vierjährigen mit Chipkarten auszustatten zur Ausbildungsoptimierung, um die Zukunftschancen Deutschlands beim internationalen Verteilungskampf der Marktanteile zu verbessern oder auf den Kasernenhöfen Jugendliche in Tötungsautomaten auf Befehl hin umzuwandeln. Wo aber hätten wir in der Gesellschaft Räume der Menschlichkeit, zweckfrei von jedem Planungszugriff aus Wirtschaft, Militär und Politik?

Daß wir solche Räume dringend brauchen, gehört zum zweiten zu den Entdeckungen Melanchthons. Im Jahre 1521 schreibt er in den Loci Communes von dem Unvermögen des Menschen, aus eigenem Wollen in moralischem Sinne „gut“ zu sein, und vier Jahre später wird Martin Luther in einer wichtigen Schrift über die „Unfreiheit des freien Willens“ dem ethischen Optimus des humanistischen Menschenbildes bei Erasmus zentral widersprechen. Der Mensch ist nicht frei, wofern er nicht zu sich selber befreit wird durch Gottes Gnade. Schärfer als in dieser Gegenüberstellung konnten die griechische Sprache des Neuen Testamentes und sein Inhalt sich kaum widersprechen, und hätten es doch nicht gemußt, wofern die Theologie ihr Dogma von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht nur mit der Geschichte vom „Sündenfall“, sondern mit den Erfahrungen der Menschen in der griechischen Tragödie zu stützen versucht hätte. Welch ein Stoff böte sich da, den Fluch der Atē (Verblendung) und der anánkē (Notwendigkeit) durchzuarbeiten und abzuschütteln! Doch um das zu tun, bedürfte es erneut eines Raums, an dem Menschen nicht danach befragt werden, wem und wozu sie nützlich sind, sondern wer sie selber als Menschen sind. Unbedingt nötig dazu sind Asylstätten der Vermenschlichung, in denen erneut nicht der Nutzen, sondern die Wahrheit zum Hauptanliegen wird. Erfordert ist eine Synthese des Widerspruchs von Christentum und Humanismus, der überwindbar wird allein durch Einsicht in das Getriebe der Tragödien des menschlichen Daseins.

Ein wichtiger Versuch, dieser Aufgabe sich zu stellen, bildet die psychoanalytische Therapie, die nicht umsonst in den Mittelpunkt ihrer Theoriebildung die Sage von Ödipus gestellt hat. Wie, wenn all die großen Gestalten der attischen Tragödie im 5. Jh. v. Chr. in Wirklichkeit auf der Bühne der menschlichen Seele spielen? Da kommt Amphytrion, der König von Tyrins, von dem Rachefeldzug gegen die Mörder der Brüder Alkmenes zurück, um die Geliebte endlich als Gattin für sich zu gewinnen; die aber, im Glauben, ihn in die Arme zu schließen, läßt in Wirklichkeit den Göttervater Zeus bei sich ein, nur um am anderen Morgen enttäuscht ihrem menschlichen „Helden“ gegenüberzustehen. Wie viele Ehen scheitern an derartigen Übererwartungen, an den Verwechslungen von Ideal und Wirklichkeit, an den Übertragungen alter Vatergebundenheit auf den möglichen Gatten, an der Frustration, bei aller Anstrengung eben doch kein „Gott“, nur ein Mensch zu sein? Wo aber kann man es lernen, das gnōthi s’autón, das „Erkenne dich selbst“ am Eingang des delphischen Tempels, wirklich zu erfüllen, außer an einer Stelle, an der man sich bedingungslos, so wie man ist, akzeptiert fühlen darf, – fernab den Bedingungen fremder Zwecksetzungen, die da besagen: Du mußt erst ein Kriegsheld werden, du mußt erst das Format eines Gottes erreichen, du mußt erst einmal so sein, daß ich dich brauchen kann? Nur an Orten des Zweckfreien, des Unnützen, reift das einzig wirklich Nützliche: die Wahrheit des menschlichen Daseins. – Oder: die Geschichte von Medea und Jason. Wieviel hat die Zauberin von Kolchis getan und geopfert, um den Argonauten für sich zu gewinnen: sie verließ ihre Heimat, sie verriet ihre Angehörigen, sie folgte ihrem Geliebten in ein fremdes Land mit fremden Gebräuchen, bis sie erkennen mußte, daß Jason die Tochter des korinthischen Königs Kreon, Glauke mit Namen, heiraten wollte. Da verbrannte sie Glauke und ihren Vater in einem Zaubergewand, da zerstückelte sie ihre zwei Kinder, da raste sie hassend in enttäuschter Liebe. - Wer beim Lesen der Nachrichten vom Amoklauf in Lörrach denkt schon an das Unglück einer Medea, und welch ein Richter sähe das Schicksal einer solchen Tragödie vor sich? Klar aber ist, daß sich das Schlimmste im menschlichen Leben nur ersparen oder vermeiden läßt, wenn sich früh genug ein Ort zweckfreier Erkenntnis, wie beim Betrachten des Theaterstücks des Euripides, auftut, – ein Ort der Einsichten, nicht der Absichten, ein Ort des Mögens, nicht des Müssens, ein Ort des Seindürfens, nicht des Tunsollens.
All die Stoffe der griechischen Mythologie tauchen als Seelengestalten in der Psychoanalyse auf, und sie helfen vorzüglich zur Deutung der Träume der Patienten. Im Abstand von 2500 Jahren mußte Ende des 19. Jhs. ein Heilverfahren der Priesterärzte von Epidauros wiedererlernt werden, die im Heiligtum des Asklepios die Träume der Hilfesuchenden als Botschaften des Gottes auffaßten, dem als Kind des Apolls und der Nymphe Aigle-Koronis, der Hell-Dunklen, schon bei der Geburt im thessalischen Trikka geweissagt ward, er werde Herr sein über Krankheit und Tod; des Todes mächtig war der Gott nicht, doch Krankheiten, die wir heute als psychosomatisch bezeichnen würden, ließen sich traumtherapeutisch behandeln. Heilung durch Schlafen, durch Träumen, durch Integration der unbewußten Seelenanteile, durch Zulassung des Nicht-Zensierten, des nicht zweckhaft Aussortierten und willentlich Kontrollierten, – es läßt sich schwerlich eine Erfahrung benennen, die deutlicher vom Nutzen des Unnützen und vom Schaden des Zwangs zur Nützlichkeit im Umgang mit sich selber kündigt, als dieses ferne Echo des griechischen Heilgottes Asklepios.

Ein anderer Weg, der soeben wiederentdeckt wird, verbindet sich mit der Musik des Pythagoras. Menschen, die in Harmonie existieren, bewahren sich selber gesund, und sie können ihr Gleichmaß finden im Rhythmus von Tanz und Musik. Dazu zählte für Pythagoras auch die Versöhnung von Ares und Aphrodite, von Aggression und Sexualität, wie die griechische Mythe berichtet: mögen auch die olympischen Götter darüber lachen, – aus dieser Mesalliance ging als Tochter die Harmonia hervor; und so setzte der große Grieche gegen die Wildheit in Jagd und in Krieg die Milde im Umgang mit Menschen und Tieren, – eine Ethik, die es ablehnt, Tiere zu „nutzen“ und auszubeuten.
Neben Traum- und Tanztherapie kannten die Griechen auch das, was wir heute als Gesprächspsychotherapie bezeichnen. Als in Platons Dialog „CharmidesSokrates zu dem migränekranken Jüngling gerufen wird, weil er aus einem Feldzug gegen die Thraker ein Heilkraut mitgebracht habe, weigert er sich, es anzuwenden, mit der Begründung, jener Schamane des barbarischen Gottes Zamolxis habe ihm erklärt, eben deshalb ja seien die hellenischen Ärzte derart unvermögend über mancherlei Krankheit, weil, gehe man zu einem von ihnen mit einem Augenleiden, dieser sogleich beginne zu trennen: das Auge vom Kopf, den Kopf vom Rumpf, den Rumpf von den Gliedern, den Körper von der Seele, aus welcher doch allererst Krankheit und Gesundheit entsteige, so daß, wer einen Arzt aufsuche, der nicht zuerst einlade zu einem schönen Gespräch, sondern gleich zu trennen beginne … den Körper von der Seele, diesen fliehen solle als die Krankheit selbst.

Besonders der Pythagoras-Schüler Empedokles war berühmt als ein Therapeut der guten Gespräche; seine Fähigkeit dazu aber erklärte er damit, daß er wiedergeboren sei zur Strafe für Lüge und Mord in einem früheren Leben. Niemand, so scheint es demnach, vermag einen anderen Menschen wirklich zu verstehen, wenn er nicht die Unwahrhaftigkeit im eigenen Lebensaufbau und das destruktive Potential seiner Affekte genügend abgearbeitet hat, – Selbsterkenntnis als wichtigstes Mittel zur Heilung.

Doch soll man wirklich glauben, es seien die Tragödien und Krankheiten des menschlichen Lebens einfach hinwegzutherapieren? Mitnichten! Drei Fragen sind es, auf welche ein jeder Mensch eine Antwort sucht, das ist: der Sinn seiner individuellen Existenz, die Möglichkeit der Schuld und das Rätsel des Todes.
In der griechischen Tragödie geschieht es um 600 v. Chr. zum ersten Mal, daß man dem Chor auf der Bühne einen Einzelnen gegenüberstellt, und dieser Schritt zur Individuation kann mit Friedrich Hebbel durchaus als Inbegriff der Tragik angesehen werden: es ist der Einzelne, der mit dem Gesetz des Allgemeinen in sich selbst nicht kongruent sein kann. Wie aber tritt er dem Sittlich-Allgemeinen gegenüber? Alle Schuld und alle Unschuld liegt in dieser Frage, und nirgends wird sie tiefsinniger dargestellt als in der „Antigone“ des Sophokles: Am Ende des Bruderkriegs zwischen Eteokles und Polyneikes verfügt Kreon, daß von den beiden im Zweikampf Gefallenen Eteokles in Ehren beigesetzt, Polyneikes aber unbestattet den Tieren zum Fraß gegeben werden solle. Antigone weigert sich, dem Gesetz der Staatsräson zu folgen, weil es ein anderes, ein ewiges und göttliches Gesetz in ihrem Herzen gibt, das unbedingt befolgt sein will und dem auch der König sich zu fügen hätte. Die Tochter des Ödipus riskiert damit ihr Leben, doch es bleibt ihr Vermächtnis an die Welt, wenn sie der Forderung politischer Parteilichkeit sich weigert mit den Worten: „Zum Lieben, nicht zum Hassen bin ich da.“ Es ist der Sinn der individuellen Existenz, einem höheren Gesetz zu folgen als dem, was die Menge nach den Vorgaben der Mächtigen zu machen pflegt; selbst Scheitern und Tod – die Extremformen des Widerspruchs zur Auftragsvergabe des politisch Nützlichen – können zur Pflicht des Individuellen gehören.

Die Kraft, seine Individualität zu wagen, verleiht indessen am stärksten die Liebe. Was aber ist es dann mit dem Tod, wenn er gerade die Liebenden zu jedem beliebigen Zeitpunkt auseinander zu reißen vermag? Im Erbe wohl des ägyptischen Mythos von Isis und Osiris, antworteten die Griechen darauf mit der Geschichte von Alkestis und Admetos: Noch im Hochzeitsgemach wird Admetos von den Schlangen der Artemis in den Tod gerissen, und er darf aus dem Hades nur dann ins Leben zurückkehren, wenn ein anderer für ihn zu sterben bereit ist: doch niemand findet sich außer Alkestis. Nie fänden die Liebenden somit zusammen, so daß die Götter beschließen, es solle Herakles einmal den unbesieglich scheinenden Gott des Todes niederzwingen mit der Kraft seiner Keule, die doch geschnitzt ist aus dem Bogen des Eros … Wär’s also möglich, die Liebe sei stärker als der Tod?

Selbst Asklepios vermochte nichts gegen den Tod; nicht Epidauros, – die Mysterien der Demeter von Eleusis versuchten die Angst vor der Endlichkeit alles individuellen Daseins zu überwinden. Doch kann die Versicherung trösten, das Leben gehe im Tode ein in neue verjüngte Formen der Wiedergeburt seiner selbst, – wie das Korn, das sterbend im Erdreich eine neue Ähre erzeuge? Das vegetative Bild des Entstehens und Vergehens im Schoße der Erdmutter löst nicht das Rätsel der Endlichkeit alles individuellen menschlichen Daseins. Ebenfalls im Erbe der Alten Ägypter konzipierte Platon die Antwort, die der ganzen abendländischen Theologie die Richtung weisen sollte: die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. So geht Sokrates im Dialog „Phaidon“ in den Tod – mit der Hoffnung, dort seinen wahren Richtern zu begegnen und alle die wiederzusehen, die ihm beim Suchen nach Wahrheit als verständig erschienen. „Wir schulden dem Asklepios noch einen Hahn.“ Mit diesen Worten starb der Weise von Athen. Er hätte auch sagen können: Jetzt, wo die Augen mir dunkeln unter der Wirkung des Schierlings, sehe ich vor mir das aufgehende Licht der Morgens der Ewigkeit. – In christlich-humanistischer Synthese verdanken wir all dies den unnützen Erkenntnissen Griechenlands: den Mut, ein Individuum zu sein, die Kraft, das Wissen um das Gute allem Pragmatismus entgegenzustellen, sowie die Hoffnung auf Unsterblichkeit, um der Kontingenz des Daseins standzuhalten, und alles dies durch eine quasi ärztliche Einstellung, die weiß, daß Menschen nur gesund sein können, denen man erlaubt, zu träumen und zu tanzen und zu reden und zu lieben …

So zeigt sich denn der Nutzen des Unnützen, wozu gewiß das Altgriechisch gehört, im allgemeinen wie besonderen. Doch geht daraus bereits hervor, es müsse Griechisch als ein Schulfach angeboten bleiben? Noch nicht, natürlich, man kann des SophoklesAntigone“ auch in der Übersetzung Hölderlins verstehen. Daß man selbst Griechisch lernen soll, hat mit der Eigenart der Sprache Altgriechisch zu tun. Kaum eine andere indogermanische Sprache schult eine solche Sorgfalt der Übersetzung: Welch eine Aktionsart, welch ein Modus liegt hier vor? Und welch eine Partikel steht hier zur Akzentuierung und Sinndeutung? Kai – das griechische „und“ – hat 100 Bedeutungen außer „und“ und „auch“, pflegte mein Griechischlehrer vor nun bereits 53 Jahren am Hammer Gymnasium zu sagen, und ich entsinne mich, wie er es honorierte, als ich allá – „aber, sondern“, einmal nicht mit „aber“ übersetzte; Sokrates nämlich wollte an dieser Stelle seinem Vorredner nicht inhaltlich widersprechen, er wollte sich nur von dessen an sich richtigen, aber nicht weiterführenden Gedanken durch einen Neueinsatz absetzen; allá hieß hier: „natürlich“ oder: „ja, schon“ oder: „kein Thema“.

Vielleicht möchte man wiederum meinen, es sei eine brotlose Kunst, achtzehn Jahre alte Jugendliche fünf Stunden lang in einer Klassenarbeit mit solchen Finessen über einen Satz von einer halben Seite Länge brüten zu lassen, – schließlich könnte man in derselben Zeit auf Englisch oder Französisch eine ganze Kurzgeschichte nacherzählen. Doch weit gefehlt. Es entscheidet mit über die Art, wie wir Menschen zuhören. Ich habe zum Beispiel lange Zeit mich irritieren lassen von dem „Nein“, das eine Frau, die zu verstehen mir ein Herzensanliegen gewesen, sehr oft verwandte, – bis daß ich merkte, daß ihr „Nein“ soviel bedeutete wie das allá bei Platon vor 2500 Jahren; sie wollte gar nicht dem Gesagten widersprechen, sie wollte sich dem lediglich mit einem eigenen Wort anschließen oder gegenübersetzen, und dieses Eigene drückte sie aus mit ihrem „Nein“. – Oder die Feinheiten von Optativ und Potentialis oder Irrealis! Viele Ehen scheitern einfach daran, daß solche Nuancierungen der Sprache völlig unbekannt geblieben sind. Was meint der andere? Behauptet er etwas, befiehlt er etwas, oder deutet er eine Wünschbarkeit oder Möglichkeit oder etwas nur Gedachtes an? Welch ein Unterschied zwischen Konjunktiv I und Konjunktiv II, zwischen „sei“ und „wäre“! Der Zugang zum Verständnis der Wirklichkeit hängt an solchen Feinheiten. Es gibt aber keine andere Sprache, die wie das Griechische die Beachtung solcher Differenzierungen fordern würde. Sie zu erlernen ist identisch damit, ein unerläßliches Moment menschlicher Kommunikation zu gewinnen.

An einer Fülle von Beispielen ließe sich zeigen, wie ein einziges Wort falsch zu verstehen eine ganze Kultur in die Irre führen kann. Im ersten Vers des ersten Kapitels des Johannes-Evangeliums zum Beispiel heißt es in „wörtlicher“ Übersetzung: „Im Anfang war das Wort.“ Wer auf griechisch archē – Anfang liest, denkt unvermeidbar an die Suche nach den Urgründen in der jonischen Naturphilosophie; Gott also oder sein Wort war der „Anfang“ von allem. Aber so denkt nicht die Bibel. Wenn sie schreibt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, so meint sie keine Ursache am Beginn der Zeitreihe; mit „Anfang“ meint sie etwas, das immer schon war und immer ist und immer sein wird, – das, was auf griechisch das „Wesen“ bezeichnet. „In principio“ muß man also übersetzen mit „a principio“, mit „prinzipiell“, „wesentlich“, „grundsätzlich“. „Wesentlich“ also, zu jedem Moment, geht alles, was ist, aus der Hand Gottes hervor, – das ist gemeint in Gen 1,1. All die Debatten über die Unendlichkeit oder über den Anfang der Welt, die bis in die Gegenwart reichen, oder die Diskussionen zwischen Deisten und Theisten beruhen auf dem Mißverständnis eines einzigen griechischen Wortes, das man hebräisch verstehen muß, um es im Griechischen richtig zu übersetzen. Und was heißt dann „Wort“ in Joh 1,1? Es „war“ nie, es ist immer, so viel steht fest. „Wort“ aber meint hier: es wäre die „Schöpfung“ als solche überhaupt nicht erkennbar, ohne das Gefühl, von Gott „angeredet“, „gemeint“ zu sein, so wie Jesus Gott zu den Menschen zu bringen versuchte. Das griechische Wort lógos – Wort sollte man daher wiedergeben mit „worthafter Geist“. Er ist das Sinnzentrum von allem, was ist, – die Streitereien der Trinitätslehre mit der Verketzerung ganzer Völker finden an dieser Stelle gerade keinen Anhalt.
Ein anderes Beispiel bietet im Neuen Testament das Wort pístis – Glaube. Griechisch bedeutet „glauben“, einen bestimmten Inhalt für wahr zu halten, obwohl er nicht beweisbar ist. Glauben religiös ist somit soviel wie „nicht wissen“, doch bleibt dieses „Glauben“ an inhaltliche Festlegungen gebunden. Die Folge davon ist das kirchliche Dogma sowie die ständige theologische Streiterei zwischen den Religionen und Konfessionen quer durch die Jahrhunderte. Hebräisch indessen ist „Glaube“ gerade kein intellektueller, sondern ein personaler Akt. Das „Amen“ am Gebetsende drückt das aus: gemeint ist mit „Glaube“ soviel wie Vertrauen. Würde dieses Wort pístis richtig verstanden als Vertrauen, wieviel an Gewalt wäre der Kirchengeschichte erspart geblieben! Nicht um dogmatische Inhalte, sondern um die Verwandlung der menschlichen Existenz geht es!

Ein nie mehr erreichtes Meisterstück der Übersetzung ist Martin Luther gelungen. 1521 auf der Wartburg stand er vor der Frage, wie er im 1. Kapitel des Lukas-Evangeliums den Gruß des Engels an das Mädchen Maria wiedergeben soll: „Gegrüßet seist du, Maria, voller Gnade“, sagt das katholische Angelus-Gebet entsprechend der Vulgata. Doch griechisch steht nicht da „voll der Gnade“, sondern kecharitoménē – das Partizip Passiv Perfekt von griechisch cháris – „Gnade“ als Verbform. Mit der Wendung „voll der Gnade“ hat die katholische Dogmatik die ganze Mariologie begründet: daß die Madonna ohne Sünde empfangen ward, daß sie also auch von der Folge der Sünde: der Verweslichkeit, befreit war, daß sie also in den Himmel leibhaft aufgenommen ward … Aber: griechisch steht all das nicht da! Wie also soll man jetzt sagen? „Begnadigt“? Dann wäre Maria von der Todesstrafe im letzten Moment freigesprochen worden, – das kann nicht gemeint sein. Oder: „begnadet“? Dann wäre Maria ein geborenes Genie gewesen, – auch das hat der Engel nicht bemeint. Im Jahre 1530 wird Luther im „Sendbrief zum Dolmetschen“ sagen, so hätte er übersetzen sollen: „Es grüßt dich Gott, du liebe Maria.“ Das ist wunderbar. Wer heute von „Gnade“ spricht, meint stets etwas wie das „Gottgnadentum“ der Fürsten, Könige und Kardinäle, – das genaue Gegenteil dessen, was „Gnade“ eigentlich besagt. „Du liebe“ aber – das hebt all die Unterschiede hinweg. Wenn irgend ein Junge in Erfurt, Magdeburg oder Wittenberg zu seinem Mädchen von Liebe spricht, so redet er zu ihm die Sprache der Engel; und wann immer ein Engel zu Menschen redet, so spricht er die Sprache der Liebe. Da ist kein Unterschied mehr zwischen dem Kircheninnenraum und dem Marktplatz, zwischen der Theologensprache und der Rede der Frau zu ihrem Kind, und alle Unterschiede der Stände lösen sich auf. Ein einziges griechisches Wort richtig übersetzt – es verändert die Welt!
Doch wer begreift die geschichtsverändernde Macht von Worten, wenn nicht der, dem es als Schulkind zur Pflicht ward, fünf Stunden zu brüten über die richtige Übersetzung eines einzigen griechischen Wortes! Im menschlichen Organismus kann der Ausfall so winziger Mengen wie der Substanzen von Vitaminen oder Spurenelementen über Leben und Tod entscheiden; es muß eine Mindestmenge von Griechischkundigen in der Gesellschaft geben oder es fehlt ihr etwas so Wichtiges wie ein Vitamin oder ein Spurenelement. Denn es fehlt ihr dann die Sensibilität für die Genauigkeit beim Übersetzen auch nur eines Wortes, es fehlt ihr vor allem das Wissen um die Notwendigkeit des Unnützen inmitten der Sklaverei des Nützlichen.

Eigentlich ist ein Vortrag vor Gräzisten für mich reines allótria – etwas mir Fremdes. Daß ich dennoch Ihrer so freundlichen Einladung gefolgt bin, hat zu tun mit der Dankbarkeit für meinen eigenen Griechischlehrer: Herrn Beil, am Hammer Gymnasium vor 53 Jahren. Sie sind seine Kollegen im Geiste. Und darum sage ich: Chárin megálén échō hymĩn oder auf Neugriechisch: evcharistō pollá – ich danke Ihnen sehr!