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Das Latinum und die Qualität der deutschen Universitätsstudenten.
Kurzbericht über eine statistische Untersuchung.
Wolfgang Dieter Lebek, Universität zu Köln
30. 4. 2004
Die hervorragende Bedeutung, die der Lesekompetenz beim Wissenserwerb zukommt, ist bekannt. In der PISA-Studie von 2000 ist die alte Einsicht erneut bestätigt worden. „Nach den Befunden scheinen sich sprachliche Defizite kumulativ in Sachfächern auszuwirken,
so dass Personen mit unzureichendem Leseverständnis in allen akademischen Bereichen in ihrem Kompetenzerwerb beeinträchtigt sind“, heißt es an einer Stelle des Kurzberichts.
In dieselbe Richtung weist die Untersuchung „Lesen kann die Welt verändern“, die 2003
von der OECD und der Unesco in London und Berlin vorgestellt wurde.
Freilich orientiert sich die internationale Bildungsforschung in ihren Fragen und in ihren
Antworten primär an dem, was weltweit vermittelbar ist. Leicht entgehen ihrem Blick
kulturelle Besonderheiten. Das bedeutet unter anderem auch, daß in solchen
Untersuchungen nicht vom Lateinischen die Rede ist.
Natürlich hat die vielleicht wichtigste heutige Funktion des Lateinischen, nämlich die wissenschaftliche Erschließung
der lateinischen Quellenliteratur des europäischen Kulturkreises, nichts mit deutscher
Lesekompetenz zu tun. Aber Befürworter des Lateinischen glauben, daß die Fähigkeit,
lateinische Texte zu verstehen, nicht die einzige Qualifikation ist, die durch das
Lateinlernen erworben wird. Und zu den Transferleistungen des Lateinlernens, die am
ehesten erwägenswert sind, gehört gerade, daß es das Verständnis komplexerer deutscher
Texte fördern könnte. Wenn es sich so verhalten sollte, wäre dies eine wichtige Leistung
des Lateins.
Ob die Hypothese zutrifft, wurde in den Jahren 2001 / 2002 von Prof. Dr. Wolfgang
Dieter Lebek, dem seinerzeitigen Inhaber des Kölner Lehrstuhls für Klassische Philologie
und Nebendisziplinen, anhand eines neu entwickelten Tests geprüft. Konzipiert wurde der
Test lange, bevor etwas von PISA bekannt geworden war; er ist dementsprechend auch
anders angelegt als die Tests der PISA-Studie.
Der Test ermittelt das Leseverständnis der Probanden anhand von insgesamt neun
ausgewählten Texten wirkungsmächtiger deutschsprachiger Autoren. Die Autoren der
Texte sind Lessing (2 Texte), Goethe (1 Text), Schiller (2 Texte), Kant (2 Texte), Knigge
(1 Text) und Sigmund Freud (1 Text). Es handelt sich um einen Multiple-Choice-Test,
der je Text vier Verständnismöglichkeiten zur Auswahl stellt, von denen innerhalb des
gegebenen Rahmens eine richtig ist. Die Perikopen sind so ausgewählt, daß sie innerhalb
des gegebenen Fragehorizonts keinerlei Wissen über den Textzusammenhang
voraussetzen. Ihr Verständnis ist auch nicht an Spezialkenntnisse irgendwelcher Art
gebunden. Der Test prüft also nicht etwa irgendein Bildungswissen, sondern die
Fähigkeit, voraussetzungslos den Sinngehalt bestimmter Texte der deutschen Hoch-
Literatur zu erfassen. Die getestete Lesekompetenz könnte man auch als
Kulturerschließungskompetenz bezeichnen. „Kultur“ wäre in diesem Zusammenhang
nicht „Weltkultur“, sondern Nationalkultur, soweit sie sich sprachlich manifestiert.
Vorausgeschickt ist dem eigentlichen Test auf dem Testbogen eine Kopfleiste, in der
verschiedene Hintergrundinformationen erfragt werden. Sie betreffen vor allem die auf der
Schule belegten sprachlichen Fächer, die gegliedert sind nach den Kategorien „Leistungskurs“, „Grundkurs“ und „nicht in Sek(undarstufe) II fortgeführt“. In der
Kopfleiste wird ferner erfragt, ob der einzelne Proband das Latinum erworben hat, und im
wievielten Semester er studiert. Die Art der Erhebung hat es erlaubt, noch andere Kriterien
zu berücksichtigen. Natürlich fehlen auch nicht die Fragekategorien „männlich“ und „weiblich“. Sie haben sich aber als irrelevant erwiesen.
Mittels der Hintergrundinformationen lassen sich Probandengruppen mit verschiedenen
Bildungsmerkmalen isolieren. Auf dieser Basis kann die Korrelation oder Nicht-Korrelation von verschiedenen Gruppenvariablen mit einer bestimmten
Texterfassungskompetenz festgestellt werden. Die wichtigste Gruppenvariable ist das
Latinum; es ist aber nicht die einzige.
Die Zielpopulation des Tests waren nicht etwa 15-jährige Schüler wie in PISA, sondern
Universitätsstudenten, also die Altersgruppe von ungefähr 19 Jahren bis 28 Jahren, die
sich aufgrund ihrer erfolgreichen Schullaufbahn für ein Universitätsstudium qualifiziert
hat und die sich dementsprechend auf einer Universität auch eingeschrieben hat.
Da der Test – als gewissermaßen „schlanker Test“ – nur 20 Minuten erforderte, konnte
er leicht in eine Lehrveranstaltung eingeschoben werden.
Daß der Plan Wirklichkeit
wurde, ist dem Entgegenkommen und der Hilfe zahlreicher Universitätsprofessoren und -
dozenten zu verdanken. Auf diese Weise hat der Test verschiedene Universitäten in den
Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Berlin, Bremen, Hamburg,
Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen erreicht. Von den
Fakultäten waren beteiligt die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, die
Medizinische Fakultät, die Juristische Fakultät und die Philosophische Fakultät oder
deren Teilfakultäten. Unter den Bundesländern hat Nordrhein-Westfalen besonders viele
Probanden geliefert, und hier hat sich wiederum die Universität zu Köln besonders stark
beteiligt.
Erfaßt wurden 3203 Regelstudenten. Zusätzlich haben sich 163 Seniorenstudenten an
dem Test beteiligt, die jedoch in der folgenden Skizze unberücksichtigt bleiben.
Die Rohdaten wurden am Kölner Universitätsinstitut für Medizinische Statistik,
Informatik und Epidemiologie statistisch durchleuchtet. Für die uneigennützige Hilfe sei
auch an dieser Stelle dem Institutsdirektor Professor Dr. Walter Lehmacher und seiner
Mitarbeiterin Frau Hildegard Christ herzlicher Dank ausgesprochen. Um festzustellen, ob
die Differenz zwischen zwei Parametern als möglicherweise zufällig oder als nicht
zufällig, als „signifikant“ zu gelten hat, wurde der Mann-Whitney-Test verwendet.
Zur Veranschaulichung werden die Ergebnisse in Form von Stabdiagrammen präsentiert,
die folgendermaßen konstruiert sind: Auf der waagerechten Achse erheben sich je
Zielgruppe 10 gleichartig markierte Stäbe. Sie verdeutlichen von links nach rechts, wie
sich die Probanden der Gruppe auf die 10 Möglichkeiten „0 bis 9 Treffer = 0 bis 9
richtige Antworten“ prozentual verteilen. Zwischen den einzelnen Textaufgaben wird
dabei nicht unterschieden. Eine Probandengruppe ist um so leistungsfähiger, je höhere
Stäbe sich nach rechts verlagern. Perfekt wäre eine Gruppe, wenn ihr äußerster rechter Stab, der Stab „9 Treffer“, die Höhe von 100 Prozent erreichte.
Das ist der Idealfall, von dem sich aber die Wirklichkeit weit entfernt. Der Gesamtbefund,
den die Erhebung für die 3203 regulären Studierenden erbracht hat, wird durch das
folgende Stabdiagramm veranschaulicht:

Exakt 24, 2 Prozent aller Probanden haben sämtliche Texte richtig verstanden. Die
restlichen 75, 8 haben unter dem Zeitdruck der zwanzig zur Verfügung stehenden Minuten
eine mehr oder weniger große Fehlerquote produziert. Bei etwas großzügigerer
Beurteilung könnte man aber auch noch die Regelstudenten, die acht der neun Aufgaben
fehlerlos bewältigt haben, als „gute Studenten“ werten. In einer durchschnittlichen
Lehrveranstaltung von 50 Studenten der Probandenpopulation gäbe es also 25 gute
Studenten und 25 Studenten, die mit komplexeren deutschen Texten von der Art der
Testaufgaben mehr oder weniger Schwierigkeiten hätten.
Wie steht es aber nun mit der These, daß das Lateinlernen das Verständnis solcher Texte
fördert? Um einen ersten Schritt zur Prüfung dieser Annahme zu tun, wird die Gesamtheit
der studentischen Probanden in die zwei Gruppen „Studenten ohne Latinum“ und„Studenten mit Latinum“ zerlegt. Das ergibt die Gliederung – 1759 Studenten ohne Latinum (helle Stäbe) versus – 1444 Studenten mit Latinum (dunkle Stäbe).
Das dazugehörige Stabdiagramm sieht so aus:
Mann-Whitney-Test: p = 0, 000.
Das Schaubild läßt ohne weiteres erkennen, daß die Probanden mit Latinum erheblich
besser abgeschnitten haben als die ohne Latinum. Dies kann nicht als Zufall erklärt
werden, wie der Mann-Whitney-Test ausweist. Würde aus der gesamten
Probandenpopulation je eine Lehrveranstaltung mit 50 Lateinern und eine mit 50 Nicht-
Lateinern bestückt, dann wäre für diese Lehrveranstaltungen ein sehr unterschiedliches
Niveau zu erwarten. Die Lehrveranstaltung mit den Lateinern wiese 30 gute Studenten und
20 weniger gute Studenten auf, bei der Lehrveranstaltung ohne jegliche Lateiner wäre das
Verhältnis umgekehrt: In ihr stünden 30 weniger gute Studenten den 20 guten Studenten
gegenüber.
Aufgrund der erhobenen Hintergrunddaten lassen sich noch viele andere Gruppen
einander gegenüberstellen. Besonders interessant ist es, das Schulfach Deutsch und sein
Verhältnis zum Latinum genauer zu betrachten. Das Fach Deutsch müßte eigentlich
dasjenige Schulfach sein, das das Verständnis von deutschsprachigen Texten, wie sie dem
Test zugrundeliegen, in höchstem Maße entwickelt und fördert. Ob dies der Fall ist, läßt
sich freilich nicht mittels der Antithese „Deutschunterricht versus kein Deutschunterricht“ überprüfen, weil alle Probanden während ihrer gesamten Schulzeit
ununterbrochen Deutschunterricht erhalten haben. Ein gewisser Ersatz ist jedoch aus der
gymnasialen Oberstufe zu gewinnen, in der sich der Deutschunterricht nach Grundkurs (3 Wochenstunden) und Leistungskurs (5–6 Wochenstunden) differenziert. Diese Differenzierung soll aber mit einigen weiteren Einschränkungen versehen werden. Das
Augenmerk wird nur auf die Probanden des 1.–4. Semesters gerichtet, vereinfacht
gesprochen, auf die Grundstudiumsstudenten, weil sich möglicherweise die
Auswirkungen des schulischen Deutschunterrichts im Laufe des Studiums abschwächen.
Außerdem werden, um den Einfluß das Fachs Latein auszuschalten, ausschließlich
Studenten ohne Latinum erfaßt. Man hat es dann mit folgenden Zahlen zu tun:
– 1443 Grundstudiumsstudenten ohne Latinum, hiervon
– 709 mit GK Deutsch (helle Stäbe) versus
– 734 mit LK Deutsch (dunkle Stäbe).

Mann-Whitney-Test: p = 0, 021.
Wie zu erwarten war, hat sich der Leistungskurs Deutsch dem Grundkurs Deutsch als überlegen erwiesen. Zwar ist die Signifikanz mit p = 0, 021 nicht herausragend, aber sie
ist akzeptabel. Es lohnt sich nun, die Hypothese zu prüfen, bei Hinzutreten des Latinums
würden sich die Testergebnisse wesentlich verbessern. Der Kürze halber seien lediglich
die Teilnehmer an einem Grundkurs Deutsch in den Blick genommen. Die Zahlen sind:
1120 Grundstudiumsstudenten mit GK Deutsch, hiervon
– 712 ohne Latinum (helle Stäbe) versus
– 408 mit Latinum (dunkle Stäbe).

Mann-Whitney-Test: p = 0, 000.
Die getestete Gruppe „Grundkurs Deutsch mit Latinum“ ist der getesteten Gruppe„Grundkurs Deutsch ohne Latinum“ auf dem höchst erreichbaren Signifikanzniveauüberlegen. Sie schneidet auch dezidiert besser ab als die Gruppe „Leistungskurs Deutsch
ohne Latinum“.
Die Befunde, die anhand einiger Ergebnisse veranschaulicht wurden, lassen sich so
zusammenfassen.
- Sehr häufig sind die Probandengruppen mit Latinum den korrespondierenden
Probandengruppen ohne Latinum signifikant (p< 0, 05) bis extrem signifikant (p = 0,
000) überlegen.
- In den übrigen Fällen ist zwar eine Überlegenheit der Lateiner zu konstatieren, aber sie
ist nicht signifikant.
- Ein gegenläufiges Ergebnis, also die nicht signifikante oder signifikante Überlegenheit
von Nicht-Lateinern über Lateiner, ist nicht zutagegetreten.
Für die Universität haben die aufgewiesenen Korrelationen zwischen dem Erwerb des
Latinums und einem besseren Verständnis komplexer deutscher Texte einen
diagnostischen Nutzen. Wo immer die Universität ihre Studenten frei wählen kann, sollte
sie für alle diejenigen Fächer, die gehobenes deutsches Textverständnis verlangen, die
Studenten mit Latinum bevorzugen. Dabei spielt keine Rolle, ob die positive Korrelation
von Latein und deutschem Textverständnis auf der Selektion der kognitiv Befähigteren
durch das Latinum beruht oder auf der Verbesserung der deutschen Decodierfähigkeit
durch das Lateinlernen.
Es ist wie bei der Zusammenstellung von Läufern für einen
Staffellauf, wo es einfach darum geht, die schnellsten Läufer auszusuchen, und wo es
gleichgültig ist, ob die Betreffenden aufgrund ihres Talents schnell laufen oder aufgrund
ihres Trainings. (Natürlich gibt es neben der deutschen Textverstehenskompetenz noch
andere Gründe, an der Universität das Latinum zu verlangen – nämlich für alle die
Universitätsdisziplinen, in denen das Lateinische als Erschließungssprache des
Sachgebiets zum Zuge kommt, oder in denen ein historisch fundiertes europäisches
Selbstverständnis vorausgesetzt wird. Aber das ist nicht das Thema der Studie.)
Nichtsdestoweniger bleibt es eine wichtige Frage, wie die wiederholt festzustellenden
Korrelationen von Latinum und gehobenem deutschen Textverständnis zu erklären sind.
Zugunsten der Hypothese „Selektion“ wird, sooft von Vorteilen von Lateinlernern die
Rede ist, häufig der Wille des „Bildungsbürgertums“ geltend gemacht, das seine Kinder
bevorzugt in das Lateinische hineinsteuere.
Nun ist es aber schon die Frage, ob das als lateinfreundlich vorausgesetzte
Bildungsbürgertum überhaupt in hinreichendem Umfang existiert. Und noch
problematischer ist die implizierte Hypothese, daß dieses Bildungsbürgertum eine ins
Gewicht fallende Anzahl von Nachkommen aufweist, die dem gymnasialen Durchschnitt
signifikant überlegen wären. Ganz schwierig wird es, wenn die hypothetische Gegenseite
ins Auge gefaßt wird, das Nicht-Bildungsbürgertum also. Überwiegend müßte diese
Schicht minderbegabte Sprößlinge haben. Andererseits müßte die kognitive Ausstattung
der aus der letzteren Schicht hervorgehenden Studenten ausreichend gewesen sein, das
Abitur zu erlangen – nur für das Latinum hätte es bei diesen Studenten voraussehbar
wiederum doch nicht gereicht, weshalb sie eben vom Latein ferngehalten worden wären.
Sollen die skizzierten Voraussetzungen und Konsequenzen wirklich akzeptabel sein? Und
wenn nicht, wie sollen dann „Selektion“ oder „Bildungsbürgertum“ mit den
interpretatorischen Erfolgen der Lateinlerner zusammenhängen?
Gegenüber solchen hochproblematischen Hypothesen ergeben sich aus den Tatsachen
der lateinischen Literatur und der lateinischen Unterrichtspraxis einleuchtende Gründe für
die signifikante Überlegenheit der Latinumsinhaber. In den lateinischen Originaltexten ist
die vielfach fremde Welt der Antike nicht durch moderne Nacherzählung aufgeweicht,
sondern muß mit ihren Härten und Kanten begriffen werden. Überdies sind die Texte für
Erwachsene geschrieben, und das bisweilen noch so, daß sie selbst dem zeitgenössischen
altrömischen Leser Verständnisanstrengungen auferlegten. Der Lateinlerner seinerseits
muß sein Verständnis immer wieder dem Test der Übersetzung unterziehen. Dieser Test
gestattet es normalerweise nicht, sich mit einem „sowohl als auch“ oder einer
allgemeinen Paraphrase zu begnügen, sondern ist auf eine Eindeutigkeit angelegt, die
unter der antinomischen Kategorie „richtig oder falsch“ steht. Eine solche permanente
Anforderung an das Textverständnis gibt es in keinem der üblichen Schulsprachfächer.
Immer wieder werden Jugendliche durch das Latein besonders gefordert. Eben dadurch
werden sie gefördert.
Wenn die Deutung „Verbesserung der deutschen Decodierfähigkeit durch das Latein“
zutrifft, dann haben die vorgelegten Statistiken auch prognostischen Wert. Sie lassen
erkennen, auf welchem Niveau sich die durchschnittliche studentische
Textverstehenskompetenz bewegen wird, wenn einmal das Latinum geschwunden sein
sollte.
Eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse soll in der Reihe „Auxilia“ des Buchner-
Verlages erscheinen. |
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