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Eröffnungsrede des Latinistentages 2011 –
gehalten von Burghard Gieseler
am 23. September 2011
an der Angelaschule in Osnabbrück

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich freue mich, dass Sie zu unserem Landestag wiederum so zahlreich gekommen sind und begrüße Sie alle sehr herzlich.

Ihr reges Interesse macht deutlich, dass unser heutiges Programm – mit dem Schwerpunkt einer curricularen Verknüpfung der Fächer Latein und Englisch – Ihre Zustimmung gefunden hat. Deshalb möchte ich bereits an dieser Stelle all denjenigen, die heute nachmittag einen Arbeitskreis anbieten, - vom Berufseinsteiger bis hin zum erfahrenen Hochschullehrer - von Herzen Dank sagen. Die große Bandbreite der Themen zeugt einerseits von der enormen Vitalität des Faches Latein und andererseits von unserem stetigen Bemühen, Neues auszuprobieren und an uns zu arbeiten. Gleichzeitig halten wir an dem, vom dem wir meinen, es habe sich bewährt, fest und denken überhaupt nicht daran, unseren Bildungsbegriff für eine vorübergehende Mode preiszugeben.

Die Vitalität unseres Faches spiegelt sich auch in den Schülerzahlen wider, die seit Jahren kontinuierlich ansteigen. Und nicht ganz ohne Stolz sehen wir die Entwicklung des Niedersächsischen Altphilologenverbandes, dessen Mitgliederzahl ebenfalls seit Jahren kontinuierlich ansteigt. Obwohl wir vor noch gar nicht so langer Zeit unser 800stes Mitglied hatten begrüßen dürfen, gehen wir nun mit strammen Schritten schon auf die 900ter-Marke zu. Allein in den letzten Wochen konnten wir mehr als 40 Neumitglieder aufnehmen und heute, so vermute ich, werden noch einige hinzukommen. Wir hoffen – sind uns aber keineswegs sicher - , dass diese positive Entwicklung bei den Altphilologen auch höhererseits die notwendige Beachtung und Wertschätzung erfährt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben uns für die Angelaschule als Tagungsort entschieden, um das hiesige Kollegium des Faches Latein für seine hervorragenden Leistungen zu ehren. Zugleich wollen wir damit aber auch den Bildungsbeitrag der kirchlichen Privatschulen insgesamt öffentlich anerkennen und würdigen, so dass die Angelaschule gewissermaßen als Stellvertreterin aller Schulen in kirchlicher Trägerschaft gelten kann.

Ein – wie wir meinen – sehr zuverlässiger Gradmesser für die hohe Qualität des altsprachlichen Unterrichts an kirchlichen Gymnasien ist unser Schülerwettbewerb ‚Rerum Antiquarum Certamen‘, den wir seit über 20 Jahren landesweit ausschreiben. Sieht man sich die lange Liste der Landesbesten in diesem Zeitraum an, so fällt signifikant auf, dass dort die Schüler der kirchlichen Gymnasien deutlich überproportional vertreten sind.

Es gibt eine in der Natur der Dinge liegende Nähe zwischen der Klassischen Philologie und der Theologie. Denn bekanntlich sind Griechisch und Latein die universalen Sprachen der christlichen Verkündigung und Lehre. Wenn also die Kirchen dem altsprachlichen Unterricht in ihren Schulen eine besondere Bedeutung beimessen, dann fördern sie damit auch den Zugang zu ihren eigenen geistigen und spirituellen Grundlagen. Ein qualitativ hochwertiger altsprachlicher Unterricht liegt somit im Eigeninteresse der Kirchen selbst.

Die – wenn ich so sagen darf – Seelenverwandtschaft zwischen dem Christentum und unseren Fächern liegt aber nicht allein darin begründet, dass man sich mit Griechisch und Latein die christlichen Texte im Original erschließen kann. Vielmehr liegt dieser Nähe ein hohes Maß an inhaltlicher Übereinstimmung zugrunde. Uns verbindet – wie der Vortrag von Dr. Drewermann auf unserem letzten Landestag in Verden eindrucksvoll gezeigt hat – ein gemeinsames Menschenbild: Mit der Freiheit des Willens kann sich der Mensch nach christlichem Verständnis für oder gegen Gott entscheiden. Dieses Menschenbild teilen wir. Unser Erziehungsziel ist ebenfalls die innere Freiheit des Menschen, die  untrennbar mit seiner Würde verbunden ist. Mit dieser ist hingegen jede Form der Funktionalisierung des Menschen – wie sie sich in einer einseitigen Kompetenzorientierung niederschlägt – unvereinbar

Unserer Überzeugung nach muss alles schulische Tun an einem obersten Ziel ausgerichtet sein, dem jede Schulform und jedes Unterrichtsfach auf seine spezifische Art und Weise verpflichtet ist. Dieses Ziel ist die Entfaltung einer freien und verantwortungsbewussten Persönlichkeit. Natürlich kann die Persönlichkeitsentfaltung nicht von außen – nicht von der Schule – erzwungen werden. Von der Schule können eigentlich nur Impulse kommen. Allerdings nehmen wir für die Fächer Latein und Griechisch schon in Anspruch, dass deren Inhalte ein Potential haben, das den jungen Menschen dazu anregen kann, seine Persönlichkeit zu entfalten.

Sie, verehrte Frau Bergmann, haben bereits auf unserem Landestag in Braunschweig darauf hingewiesen, dass sich Inhalte und Kompetenzen keineswegs gegenseitig ausschließen. Diese zweifellos zutreffende Feststellung haben Sie allerdings zu einem Zeitpunkt gemacht, als andere im Ministerium noch von einem Kerncurriculum für alle Sprachen träumten. Die altsprachlichen Kommissionen, die die Kerncurricula erarbeitet haben, haben die inhaltliche Entleerung ihrer Fächer verweigert und damit ein hohes Maß an Standhaftigkeit bewiesen. Sie haben – ganz im Sinne meiner Eingangsbemerkung – viele neue Wege beschritten und gleichzeitig an Bewährtem festgehalten. Die zu erwerbenden Kompetenzen sind stets an jeweils  fachspezifischen Inhalten ausgewiesen. Damit wird auch eine gewisse Rangfolge sichtbar. Zwar ist die Methodenkompetenz für das moderne Berufsleben unerlässlich – und wird von uns auch keineswegs in Frage gestellt - , der persönlichkeitsbildende Gehalt eines Faches liegt aber in der Auseinandersetzung mit seinen Inhalten.

Die große Verunsicherung, die in einigen anderen Fächern zu beobachten ist, hängt möglicherweise auch mit einer begrifflichen Unklarheit zusammen. Zwar umfasst der Kompetenzbegriff in der Theorie auch Kenntnisse und sogar Haltungen, in der Praxis aber wird er fast nur im Sinne des Zweckgebundenen, des Funktionalen gebraucht.
Bei uns Altphilologen ist eine solche Verunsicherung nicht eingetreten, weil wir von Anfang an klargemacht haben, in welcher Rangfolge wir die Bildungsziele sehen.

Sehr verehrte Damen und Herren, es gibt keinen Unterschied zwischen  Bildungspolitik und Gesellschaftspolitik. Denn der innerlich freie und verantwortungsbewusste Staatsbürger ist gleichsam die Grundlage der demokratischen Gesellschaft.  Der Diktatur reicht es, wenn die Menschen laut „Ja“ schreien können und ansonsten den Mund halten. Die Demokratie aber ist darauf angewiesen, dass der Einzelne innerlich frei urteilen kann. Denn dies ist die Voraussetzung für die demokratische Meinungsbildung. Entfällt sie, schlägt die Demokratie in Diktatur um.

Gleichwohl würde es für den Bestand der Demokratie nicht ausreichen, wenn deren Bürger zwar innerlich frei, aber nicht verantwortungsbewusst wären. Denn das Verantwortungsbewusstsein des Individuums ist für die Demokratie eine ebenso unerlässliche Voraussetzung wie das selbstständige Urteilsvermögen.

Est igitur res publica res populi …“  Mit diesen wenigen Worten macht Cicero klar, worum es geht: Der Staat ist nichts anderes als die Gesamtheit seiner organisierten Staatsbürger. Der Einzelne ist deshalb immer Teil des Ganzen. Wenn ihm dieses Bewusstsein fehlt, kann der Staat nicht existieren. Vielleicht trägt der Einzelne sogar mehr Verantwortung für das Ganze als das Ganze für den Einzelnen. In jedem Fall tragen Staat und Individuum wechselseitig für einander Verantwortung.

Die schwere Krise, in der sich große Teile der westlichen Welt befinden, ist weit mehr als eine Schulden- oder Wirtschaftskrise, sie ist eine politische Krise, deren Ursachen – wo wir auch hinschauen – in einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein liegen.

Zwar wurde die gegenwärtige Krise vor ca. vier Jahren durch den ungezügelten Raubtierkapitalismus ausgelöst. Ihre Ursachen liegen aber tiefer. Schon seit 1969 gibt die Bundesrepublik Deutschland mehr aus als sie einnimmt. Seither steigt die Staatsverschuldung kontinuierlich an. Die Politiker kaufen sich die Macht, indem sie dem Wähler Versprechungen machen, die nicht bezahlbar sind. Dies zeugt von einem gravierenden Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Und die Wähler lassen sich die Macht abkaufen, indem sie sich nicht dafür interessieren, ob die Wahlversprechen bezahlbar sind. Bei der Wahlentscheidung steht beim Wähler nicht die Frage im Vordergrund: Was ist für mein Land das Beste? Sondern: Von wem habe ich persönlich den größten materiellen Vorteil? Auch diese Einstellung zeugt von einem gravierenden Mangel an Verantwortungsbewusstsein.

Auch unser Umgang mit der Natur, mit den Ressourcen dieser Welt ist von derselben Haltung gekennzeichnet: Wir nehmen, was wir kriegen können, und interessieren uns nicht dafür, welche Welt wir unseren Kindern und Enkeln zurücklassen. - Ein Mangel an Verantwortungsbewusstsein, wohin wir nur schauen.

Meine Damen und Herren, diese Beispiele mögen als Beleg reichen: Es gibt keinen Unterschied zwischen Bildungspolitik und Gesellschaftspolitik. Ein Staat, der sich nicht auf seine geistigen Grundlagen besinnt, der die Bildungspolitik nicht an einem  obersten Ziel – nämlich der Entfaltung einer freien und verantwortungsbewussten Persönlichkeit – ausrichtet, dieser Staat zerstört sich am Ende selbst.

Wir Altphilologen überschätzen uns nicht. Wir wissen, dass sich eine Persönlichkeit auch ohne Latein und Griechisch entfalten kann. Aber wir nehmen, wie ich schon gesagt habe, für unsere Fächer durchaus in Anspruch, dass sie ein Potential haben, das den jungen Menschen in ihrer Entwicklung wertvolle und hilfreiche Impulse bietet.

Deshalb unterstützen wir selbstverständlich auch alle Schulen, die ein altsprachliches Profil entwickeln oder ein bereits vorhandenes erhalten wollen. Wir halten es grundsätzlich für sinnvoll, dass die Gymnasien in den Städten Niedersachsens unterschiedliche Profile haben, damit die Bevölkerung auch entsprechend auswählen kann. Wir meinen: In den großen und mittelgroßen Städten sollte jeweils ein Gymnasium ein dezidiert altsprachliches Bildungsangebot vorhalten. Und wir sind durchaus der Meinung, dass die Landesregierung die Schulen bei ihrer Profilbildung mit geeigneten Maßnahmen unterstützen kann. Am 9. Dezember vergangenen Jahres haben wir über dieses Thema mit Minister Althusmann ein Gespräch geführt. Allerdings geben die Signale, die wir seitdem zur Profilbildung aus dem Ministerium erhalten haben, wenig Anlass zur Hoffnung.

Eine ähnlich geringe Resonanz aus dem Kultusministerium registrieren wir bei der Sprachenfolge und einer möglichen curricularen Verzahnung der ersten und zweiten Fremdsprache. Schon seit Jahren versuchen wir eine Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Zur Erinnerung: Wir halten grundsätzlich einen zweijährigen Abstand bei der Sprachenfolge –also zu Beginn der Jahrgänge 3, 5 und 7 – für wünschenswert, sofern dies curricular abgestimmt erfolgt. Denn da mit dem Übergang zu einer weiterführenden Schule im Fach Englisch das Erlernen der Schriftsprache einsetzt, könnte der zeitgleiche Beginn der zweiten Fremdsprache die Schüler überfordern. Deshalb wäre für diese Sprachenfolge die curriculare Verzahnung der ersten und zweiten Fremdsprache – uns interessiert hier vor allem die Verbindung von Englisch und Latein – eine condicio sine qua non. Wir wollen wissen – und ich sehe mit großer Spannung und Vorfreude dem Vortrag von Prof. Kipf entgegen – , ob es gelingen kann, die Kommunikationssprache Englisch und die Reflexionssprache Latein so weit aufeinander abzustimmen, dass der Lateinunterricht generell mit dem Schuljahrgang 5 beginnen kann. Vielleicht könnte eine derartige Kooperation auch darüber hinaus den Schülern das Erlernen der Sprachen erleichtern und ihnen auf diese Weise Freiräume zurückgeben, die ihnen durch die Schulzeitverkürzung genommen wurden...

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen anregenden Latinistentag 2011!