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MITTEILUNGSBLATT DES LANDESVERBANDES NIEDERSACHSEN mit den Landesverbänden Bremen und Hamburg im Deutschen Altphilologenverband (DAV) Jahrgang LV Heft 1, April 2005

 
   
 

 
 

LATEIN IN DER GRUNDSCHULE

Seit drei Jahren gibt es in der Göttinger Albani-Grundschule Lateinunterricht. Latein ab Klasse 5 konnte in Göttingen bisher an der OS Luther-Schule und an der OS Bonifatius-Schule gelernt werden, beide Gruppenwurden im Max-Planck-Gymnasium zusammengeführt. Das neue niedersächsische Schulgesetz hat nun dazu geführt, dass alle Schüler, die ab Klasse 5 Latein als erste gymnasiale Fremdsprache lernen möchten, zum MPG kommen.

Seit dem Beginn der FrühLatein-AG an der Grundschule haben sich die Anmeldezahlen für Latein ab 5 am MPG etwa verdoppelt.

Ausgehend von der Beobachtung, dass die meisten Grundschüler keinWissen um die römische Kultur und Sprache haben, sich aber noch inKlasse 4 zwischen Englisch und Latein für die Jahrgangsstufe 5 entscheiden sollen, ergab sich die Schlussfolgerung, diesen Schülern angemesseneund fundierte Informationen über die Inhalte des Lateinunterrichtes anzubieten.

Die Leitung der Grundschule, die Grundschullehrerinnen und die Elternschaft der Albani-Schule begrüßten das Projekt. So begann der bundesweit wohl einzige regelmäßige Lateinunterricht an einer Grundschule–zwar als AG ohne Bewertung, dafür aber halbjährig und mit bis zu 26Schülern der 4. Jahrgangsstufe. Sogar die ZEIT fand das erwähnenswert.

Als wichtig erwies sich ein Elternabend und ein Faltblatt mit Informationen zum VorLatein und zur Bedeutung der lateinischen Sprache und Kultur für unsere heutige europäische Zivilisation. Denn die meisten Eltern der heute Zehnjährigen haben selbst keinen Lateinunterricht mehr genossen, oder – noch schlimmer – Lateinpauker mit Vorkriegspädagogiker tragen müssen. Hier gilt es also, alte Klischees, die bei Eltern undGrundschullehrern noch sehr weit verbreitet sind, aufzubrechen, als unhaltbar zu erweisen und das gewonnene Territorium dauerhaft zu besetzen. Mit nachfolgendem Text wird erfolgreich für den Lateinunterricht ander Grundschule geworben:

VorLatein in Klasse 4
Die römische Zivilisation gilt als ein besonders erfolgreiches Modell für eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft, in der Menschen mit verschiedenen Religionen und mit unterschiedlicher Hautfarbe jahrhundertelang friedlich zusammenlebten. In diesem Sinne ist die römische Zivilisation beispielhaft für unsere eigene Gegenwart und Zukunft. Ferner: Latein einte Europa geistig, weil Gebildete von Lissabon bis St. Petersburg, von Oslo bis Palermo miteinander in lateinischer Sprache kommunizierten. Latein war für mindestens 1900 Jahre zentrale Sprache in Europa. Es wurden erheblich mehr Texte und Bücher in lateinischer Sprache abgefasst als in Englisch oder Französisch.

Unter „Englisch“ als neuem Fach ab Kl. 5 kann sich in der heutigen Mediensituation jeder Schüler etwas vorstellen, nicht jedoch unter „Latein“, das zudem noch mit den traditionellen, negativen Vorstellungen und „Erfahrungen“der Elterngeneration belegt wird. Diesem Defizit muss entgegengewirkt werden,zumal moderne didaktische Konzepte heutzutage im Lateinunterricht selbstverständlich sind. Durch die Vielfalt seiner Inhalte schlägt Latein Brücken zu vielen anderen Schulfächern (fächerübergreifend).

Im Vordergrund soll für die Schüler der handlungsorientierte und informative Charakter stehen, während für die Eltern und Lehrer eher der diagnostische Aspekt im Hinblick auf die Sprachenwahl für Klasse 5 Bedeutung gewinnt. DaLatein nur auf dem Gymnasium unterrichtet wird, sollten nur Kinder mit gymnasialer Perspektive Latein ab Klasse 5 wählen.

Vor der Sprachenwahl für Klasse 5 soll ein Beratungsgespräch mit Schülern undEltern stattfinden, in dem der Lehrer seine Einschätzung deutlich macht.

Viele Englisch- und Französischlehrer bestätigen, dass lateinisch vorgebildete Schüler Englisch oder Französisch ab Klasse 7 besser und schneller lernen.

Die Inhalte des Lateinunterrichtes im Primarbereich müssen sich an der Lebenswelt der Zehnjährigen orientieren, an ihren Interessen und Fähigkeiten. Hier wird jeder Kollege, der mit Grundschülern Unterricht versucht, erstaunt sein, wie langsam und noch unvollständig diese jungen Menschen basale Kulturtechniken beherrschen. Bis 20 Schüler – durchaus intelligente Kinder - drei einfache Sätze von der Tafel abgeschrieben haben, kann es schon einmal 25 Minuten dauern. Natürlich sind einige sehr schnell fertig, aber auch die anderen sollen mitkommen. Malen und Basteln kommt immer gut an, sollte jedoch der Themenvielfalt wegen nicht übertrieben werden.

Man hüte sich vor grammatischer Metasprache! Das verstehen Grundschüler nicht, wenn nicht doch im Deutschunterricht der 4. Klasse die wichtigsten Begriffe eingeführt sein sollten. Bei der Behandlung der Themen werden an der Tafel oder über Arbeitsblätter die in diesem Zusammenhang vorkommenden lateinischen Begriffe und ihre deutschen Entsprechungen – vielfach also Fremd- oder Lehnworte – festgehalten. Leicht können Schüler so 20 lateinische Worte in einer Stunde sammeln und nach bestimmten Gesichtspunkten ordnen (Worte, die zur a-Familie gehören; Worte, die auf –us enden). Arbeitsergebnisse sollen für die Schulöffentlichkeit auf Stellwänden und auf der homepage der Schule veröffentlicht werden. Materialien können aus den Anfangskapiteln verschiedener Lateinbücher entnommen werden, weitere Anregungen 5 bieten neuere Publikationen für den Primarbereich.

Themen: VorLatein in der Grundschule Mögliche Medien und Methoden
Italien: Landeskunde Karte: Städte, Flüsse, Gebirge in Italien
Römische Vornamen heute Klassenbuch, Bedeutung der Namen erklären
Römische Schrift Inschriften; Lateinische Schrift können Schüler entziffern und selbst schreiben
Gründungslegende Roms Geschichte hören/Theaterstück zur Romlegende
Römische Sagen Hören, wiedergeben, Szenen malen
Haus und Familie Ausmalen/Basteln einer römischen villa
Schule und Kinder in Rom Mindmap an Tafel mit lateinischen Begriffen
Römische Götter Geschichten hören, Bilder zum Ausmalen
Wo lebten die Römer? Stadtplan Roms/Modell beschreiben
Pompeij Bilder/Tafelbild Vesuv, Häuser, Landschaft
Wer lebte im Römischen Reich? Collage (Völker, Sprachen, Religionen)
Wagenrennen und Gladiatoren Geschichte hören und Bild ausmalen
Was ein Gladiator alles tut TA: pugnare, currere, salutare,…
Typische Bauwerke Bilder zu Tempel, Theater, Arenen u. ä.
Stammbaum und Verwandtschaftsbegriffe avus, pater, filius, nepos – einfache Sätze
Die römische Sprache Latein im Deutschen – Latein in der Werbung
Einfache Texte zum römischen Alltag Tabelle ausfüllen: Latein – Deutsch/
Übersetzungen

Um den Lateinunterricht ab Klasse 5 weiter auszubauen, müssen wir Lateinlehrer in den Grundschulen aktiv werden. Sprechen Sie die Grundschulen Ihres Einzugsbereiches an! Bieten Sie Informationsstunden, Elternabende, Faltblätter und Probestunden an. Weisen Sie in diesem Zusammenhang darauf hin, dass führende Entwicklungspsychologen (Prof. Mönks, Njimwegen, und Prof. Hasselhorn, Göttingen) darauf hingewiesen haben, dass Latein als erste gymnasiale Fremdsprache gerade für intelligente – also gymnasialfähige – Kinder besonders empfehlenswert ist.

In vielen Grundschulen werden Sie mit offenen Armen empfangen werden, zumal das neue Schulgesetz eine engere Kooperation zwischen Grundschulen und den weiterführenden Schulen buchstäblich vorschreibt. Die Ausgangslage ist also günstig für den Ausbau des grundständigen Lateinunterrichts ab der 5. Jahrgangsstufe. Das gilt auch, wenn Latein ab 5 an Ihrem Gymnasium noch nicht eingeführt ist. Der Einsatz lohnt sich sicher. Und man bedenke: die heutigen Lateiner in Klasse 5/6 können die Griechischschüler von morgen sein.

Dr. Martin Biastoch, Göttingen


5 Diese Publikationen sind von unterschiedlicher Qualität, vgl. M. Biastoch, Neue Jugendbücher und Unterichtsmaterialien zu Griechen und Römern, in: AU 3+4, 2002, 109-11; Peter Conolly, Die alten Griechen, Nürnberg 2001; ders., Die alten Römer, Nürnberg 2001; Peter Crisp, Die Römer und ihre Welt, Nürnberg 2001; Philip Ardagh, Detektiv im alten Rom, mit Bildern von Colin King, München 2001; ders., Detektiv im alten Griechenland, mit Bildern von Colin King, München 2001; Das große pop-up-Spiele-Buch Griechische Sagen, illustriert von Brian Lee, Hamburg 2001; Roswitha Tewes-Eck, Erich Dunkel, Lernerlebnis, Griechische Antike, Paderborn 1999; Roswitha Tewes-Eck, Erich Dunkel, Lernerlebnis, Römische Antike, Paderborn 2000 ; Heide Huber, Lernspiele Römerzeit, Mülheim 1999; Heide Huber, Projektmappe Römerzeit, Mülheim 2001; Laurie Carlson, Wie spielen Griechen und Römer. Eine Mappe zum Basteln, Malen, Kochen, Spielen, Lernen, Mülheim 2000.