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MITTEILUNGSBLATT DES LANDESVERBANDES NIEDERSACHSEN mit den Landesverbänden Bremen und Hamburg im Deutschen Altphilologenverband (DAV) Jahrgang LV Heft 2, Dezember 2005

 
   
 

 
 

LATEINUNTERRICHT UND PÄDAGOGISCHE QUALITÄT I
Erwartungen an Lateinlehrer aus Schulleitersicht 1

Immer mehr Schulen warten auf Lateinlehrer. Diese Erwartung dürfte heute die am weitesten verbreitete und typischste unter Schulleitern sein. Hauptsache, es kommt jemand, Hauptsache, er oder sie kann das Fach gut oder wenigstens einigermaßen unterrichten, das vielfach abgeschriebene und in erstaunlichem Maße angewählte Latein: Eine Stabilität, die häufig der guten Darstellung der Fremdsprache Latein im Rahmen von Informationsveranstaltungen zu verdanken ist. Man könnte fast denken, die Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer dürfen nicht zu gut werden, damit Schülerzahlen und Unterrichtsversorgung noch zusammen passen. Der Erfolg solcher Werbung für das Fach liegt sicher nicht in einer fraglosen Attraktivität aus vermeintlicher Notwendigkeit begründet, Latein ist kein Selbstläufer. Erfolgreiche Werbung lebt davon, dass Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer ihre besondere Rolle angenommen haben: Die Rolle der Unterrichtenden eines Anmeldefaches, dessen inhaltliche Attraktivität, Lebensrelevanz und Lernbarkeit Eltern und vor allem Kindern zu erweisen ist, wobei die glaubwürdige Verkörperung in der Person der Lehrenden nicht unwichtig erscheint. Erfolg bei der fachlichen Präsentation hat, wer glaubhaft zu machen versteht, dass es ihm darauf ankommt in erster Linie Menschen zu lehren, nicht akademische Fächer um ihrer selbst willen, dass es gelingen wird, fachliche mit pädagogischen Qualitäten zu verbinden – ein Versprechen, das dann im Schulalltag einzulösen ist.

Schulalltag ist in erster Linie Unterrichtsalltag unter steigenden Qualitätsanforderungen. Weder das methodisch nachlässige Abliefern von Unterrichtsgegenständen, noch der künstliche 45-Minuten-Perfektionismus von Examensstunden führen hier zum Erfolg. Das Verfügen über ein breites Methodenspektrum über den fragend-entwickelnden Lehrbuchunterricht hinaus ist allerdings gefordert, vor allem aber pädagogische Aufmerksamkeit gegenüber den Lernprozessen der einzelnen Schülerinnen und Schüler: Zum Unterrichten – auch von Latein - gehört immer mehr das kompetente Fördern.

Latein als Fach mit besonders starker Auslesewirkung wird selbst schnell der schulischen Selektion anheim fallen, spätestens in der Oberstufe. Der Lateinunterricht trägt zum Schulerfolg oder -misserfolg des Einzelnen als ein wesentliches Element bei, Lehrerinnen und Lehrer sind für diesen Erfolg insgesamt verantwortlich. Das geht nicht ohne Kommunikation über die Fächergrenzen hinweg, es geht nicht ohne den Willen und die Kompetenz zur Behebung von Lernproblemen und zur Kompensation von Defiziten. Wer sich hier als Lateinlehrerin oder Lateinlehrer einbringt, leistet Erhebliches für die Qualitätsentwicklung der eigenen Schule insgesamt. Denn die Qualität von Schulen wird zunehmend nach ihrer pädagogischen Kompetenz, weniger von bestimmten Fachprofilen her beurteilt. Berührungsängste sind überflüssig, sowohl gegenüber anderen Fächern als auch anderen Schulformen, besonders den Grundschulen. Je offener Lateinlehrer hier sind, desto leichter fällt es den Anderen, ihre oft tief verankerten Vorurteile gegenüber den Vertretern der Alten Sprache und gegenüber dieser Sprache selbst abzubauen.

Das deutsche Schulsystem oder besser die deutschen Schulsysteme der Bundesländer befinden sich in starken Wandlungsprozessen. Egal, ob das gegliederte oder ein integriertes System favorisiert wird: Auf jeden Fall gibt es kein Festhalten an einem erstarrten Begriff des Gymnasialen, der durch Auslese statt Förderung oder reine Inhaltsorientierung statt Orientierung am Lernprozess gekennzeichnet ist und sein Adressatenfeld in einem traditionellen Bildungsbürgertum ortet, für das Elitebildung und Alte Sprachen selbstverständlich zusammen gehören. Es gilt, den Bildungswert des Lateinlernens in einem bildungspolitischen Kontext zu behaupten, in dem das sprachenorientierte Humanismusverständnis keine große Rolle mehr spielt, ohne als Altsprachler in eine perspektivelose Gymnasialnostalgie zu verfallen. Stark altsprachlich orientierte Gymnasien haben es in der Regel nicht leicht, wenn sie nicht glaubhaft machen können, dass sie pädagogisch noch mehr als dieses Fachprofil zu bieten haben (altsprachliche Inseln der Seligen ziehen ihre Attraktivität eher aus anderen Privilegien, z.B. der Verkürzung der üblicherweise sechsjährigen Grundschulzeit im Fall Berlins).

Dass ein Systemwandel der Schule den Lateinunterricht nicht ersticken muss, hat Hartmut von Hentig schon vor Jahrzehnten in der Bielefelder Laborschule exemplarisch gezeigt: Er propagierte einen Lateinunterricht für alle Kinder im 5. Jahrgang – egal aus welcher Bildungsschicht und mit welchen Bildungsvoraussetzungen. Unter dem Gymnasium versteht er unabhängig vom Schulformensystem eine Bildungsschule mit einem bestimmten Selbstverständnis: Bildung bezeichnet ... die Spannung oder Brücke...zwischen tradierten Idealen und aktuellem Kompetenzbedarf, zwischen philosophischer Selbstvergewisserung und praktischer Selbsterhaltung der Gesellschaft (H. v. Hentig, Bildung, München 1996, S. 58).

Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer müssen wie alle anderen diese Brücken bauen, vielleicht müssen sie sich, wenn sie in den Lehrerberuf eintreten, eher an das Nachdenken über aktuellen Kompetenzbedarf gewöhnen als an die Notwendigkeit philosophischer Selbstvergewisserung. Zu diesem Nachdenken gehört sicher auch die Frage nach realistischen Anforderungen und Zielsetzungen für das Lateinlernen in der Schule. Auch für den Lateinunterricht ist zwischen Mindeststandards, die alle erreichen sollen, und darüber hinausgehenden Zielen im Sinne einer Förderung von Interessen und Begabungen zu unterscheiden. Wer hier die Latte allgemein zu hoch legt, wird auf Dauer zu wenige Springer motivieren. Das Erreichen der Mindeststandards muss dann allerdings verpflichtend sein – auch für die Lehrenden. Möglichst viele möglichst weit zu bringen – diesen Ehrgeiz sollten Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer schon um der Erhaltung des Fachs Latein in der Oberstufe willen haben, als eines Abiturprüfungsfachs, das auch bei knappen Ressourcen von der Schülerzahl her zu rechtfertigen ist.

Ich habe sicher ziemlich hohe Anforderungen formuliert, Anforderungen, die am Ziel einer optimalen Förderung jedes einzelnen jungen Menschen in der Schule ausgerichtet sind: Ein Ziel, von dem wir in den deutschen Schulsystemen oft noch recht weit entfernt sind, doch alle irgendwie auf dem Weg, wenn wir es mit unserem Beruf ernst meinen. Rückzug auf Fachlichkeit allein wird der Berufsrolle auch der Lateinlehrer und Lateinlehrerinnen nicht gerecht. Andererseits wird sichere Fachkompetenz als selbstverständliche Grundlage vorausgesetzt, diese berufsbezogen zu vermitteln ist Aufgabe der Hochschulen. Die hohen Anforderungen an allgemeine pädagogische Kompetenzen des Lehrerberufs erzwingen einen zeitökonomischen und sicheren Erwerb der fachlichen Grundlagen, die Schule als Abnehmerin der Hochschulen muss hier deutlich ihre Bedürfnisse artikulieren. Der Schwerpunkt der Lehrerausbildung im engeren Sinne muss bei den pädagogischen Kompetenzen liegen, nicht im nachgeholten Erwerb von Fachkompetenzen. Fachdidaktik bleibt unverzichtbar, wenn sie denn ihre Verwurzelung in der allgemeinen Pädagogik und Lerntheorie ernst nimmt und den Fachunterricht als Ort der pädagogischen Bewährung.

Abschließend ist nach so viel Rede von Anforderungen an die Vermittler des Faches Latein unbedingt auch die umgekehrte Frage zu stellen: Was können Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer von Schulleitungen erwarten? Ganz sicher eine faire Gleichbehandlung mit anderen Fächern, z.B. bei Fremdsprachenpräsentationen. Aber auch eine nicht bloß schemaeiner stärker reglementierten Oberstufe geht. Wer Latein ernsthaft an der eigenen Schule will, muss sich der besonderen Schwierigkeiten eines Faches bewusst sein, das nicht von vermeintlicher Brauchbarkeit zehren kann. Er sollte seine grundlegenden Ziele und Leistungen kennen und wollen und Abwertungen von einem oberflächlichen Nützlichkeitsstandpunkt her entgegenwirken können. Schulleitungen werden dazu leichter zu motivieren sein, wenn sie das pädagogische Engagement der Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer ihrer Schule zu schätzen wissen. Auf dieser Erwartungsebene sollten sich Schulleitungen und Lateinlehrerinnen und Lateinlehrer treffen können.

Hartmut Schulz, Hildesheim


1 Der Autor dieses Artikels ist Schulleiter des Gymnasium Andreanum, Hildesheim (Anm. der Redaktion).