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im Deutschen Altphilologenverband (DAV)
Jahrgang LIX Heft 2, 2009

 
   
 

 
 

Sprachkompetenz und Lehrbuchübungen

Kriterien für Übungen

Das Sprichwort "erst die Übung macht den Meister" gilt in besonderem Maße im Sprachunterricht, wenn es darum geht, sprachliches Wissen zu festigen und zu automatisieren. Neuer Grammatikstoff oder auch neue Vokabeln werden im Unterricht zunächst flankierend zu einer neuen Lektion einmalig im Unterricht eingeführt, müssen allerdings anschließend immer wieder eingeübt und umgewälzt werden, damit Schüler das sprachliche Wissen auch internalisieren. Nur allein die Tatsache, dass Schüler die Ablativendungen und –funktionen oder den AcI einmalig in einer induktiven Grammatikeinführung  verstanden haben, bedeutet nicht, dass sie diesen Stoff auch noch während der folgenden Unterrichtsjahre bei der Übersetzung beliebiger Texte immer richtig praktisch anwenden können. Genau dies soll aber durch Übungen erreicht werden: Festigung, Automatisierung und Internalisierung von sprachlichem Wissen sind die wesentlichen Ziele von Übungen, um eine echte Sprachkompetenz im Sinne des Könnens zu gewährleisten. Ein weiteres wichtiges Ziel von Übungen im Bereich der Sprachkompetenz muss darin liegen, die Übersetzungsfähigkeit unserer Schüler zu fördern, denn das Erschließen, Verstehen und angemessene Übersetzen lateinischer Texte war und ist ein zentrales – wenn nicht das zentrale – Ziel alter und neuer Lehrpläne bzw. Bildungsstandards oder Kerncurricula. Was nützt es Schülern, wenn sie zwar die Formen des Ablativs kennen und auch alle 15 Ablativfunktionen aufzählen können, aber an der richtigen Übersetzung einer konkreten Textstelle scheitern (z.B. tertiā horā Marcus venit "Marcus kam durch die dritte Stunde")? Auch syntaktische Konstruktionen wie der AcI wollen nicht nur analysiert und graphisch abgetrennt werden, sondern das Ziel liegt auch hier in einer richtigen Übersetzung – und zwar im Idealfall ohne eine jedes Mal erfolgende vorherige genaue Analyse. Übungen müssen daher auch möglichst diese sprachpraktische Komponente im Sinne der Übersetzungsorientierung berücksichtigen.

Überhaupt müssen sich Übungen an den sprachlichen Defiziten unserer Lateinschüler orientieren: So ist nicht nur die konkrete Übersetzung bestimmter grammatikalischer Erscheinungen ein Problem, sondern schon allein die (mangelhafte) Beherrschung des Wortschatzes. Dies sollte eigentlich ein gezieltes und lernpsychologisch sinnvolles Vokabeltraining im Unterricht implizieren, denn fast alle Lehrkräfte dürften die empirische Erfahrung machen, dass allein das Übersetzen der geringen Textmengen im Lateinunterricht und das punktuelle Auswendiglernen von Vokabellisten allein bei einem großen Teil der Schüler nicht zu einer hinreichenden Wortschatzbeherrschung führt.

Schließlich müssen Übungen – gleich welchen Typs – auch von ihrer generellen Anlage her die Kriterien der Zeitökonomie und Transparenz erfüllen. Denn ein ökonomisches Training erfordert eine schnelle Zugänglichkeit einer Übung, bei der Schüler sofort wissen, was sie üben sollen und warum. Um eine möglichst große Umwälzung der sprachlichen Phänomene in der Übung zu gewährleisten, sollte sie keine reine Knobelaufgabe sein, sondern auch einfache, leicht zu lösende Elemente enthalten – ähnlich wie beim Sport gerade die leichten Übungen für Aufbau und Erhalt der Fitness besonders geeignet sind. Ein schwieriges Rätsel mag für die Spitzengruppe einer Klasse motivierend sein, ist aber keine eigentliche Übung im Sinne einer Automatisierung sprachlichen Wissens durch genügende Umwälzung.

Wichtige Übungskriterien (Sprachkompetenz):

  • Übersetzungsorientierung
  • Defizitorientierung
  • Festigung und Automatisierung durch Umwälzung
  • Transparenz
  • Zeitökonomie

Um diese Kriterien an Beispielen zu illustrieren, werden im Folgenden einige gängige Typen von Lehrbuchübungen nach diesen Kriterien überprüft. Zugleich werden bei weniger geeigneten Übungen Möglichkeiten zu Optimierung von Übungen mithilfe einfacher Änderungen aufgezeigt.

Wortschatz
Der Wortschatz stellt in mehrfacher Hinsicht einen Problembereich dar: Schüler scheitern oft an der Übersetzung einfacher Texte, weil sie kaum Vokabeln kennen oder auch bei polysemen Vokabeln nicht die richtige für den Kontext passende Bedeutung treffen. Zudem weisen viele Lehrbücher keine oder nur defizitäre Wortschatzübungen auf.

Wenig geeignet als Wortschatztraining sind Übungen vom Typ "Buchstabensalat" oder  "Wortschlange" (u.ä.): nmdsoiu (dominus) oder gcihidominusfebsu. Hier fehlt schon die Übersetzungsorientierung, aber auch unter dem Aspekt der Zeitökonomie ist gerade der "Buchstabensalat" nicht zur umfassenden Umwälzung geeignet, auch wenn gerade das Knobeln bei Schülern beliebt ist.

Sinnvoller sind Übungen, in denen Schüler Wort- und Sachfelder suchen bzw. bilden müssen. Hierdurch ergibt sich eine gute Vernetzung und Verknüpfung schon gelernter Vokabeln mit neuem Wortschatz, die zu einer sinnvollen Systematisierung im Kopf führt. Wenn solche Übungen im Lehrbuch fehlen, kann man leicht anhand der im Lektionstext vorhandenen Wort- und Sachfelder eine Übung erstellen. Dies ist zur Aneignung des neuen Wortschatzes bei jeder neuen Lektion sinnvoll und ohne besonderen Zeitaufwand leistbar (z.B.: Sucht im Lektionstext Vokabeln zum Sachfeld "Familie" oder "Liebe" etc. heraus).

Ebenso sinnvoll und der Vernetzung dienlich sind regelmäßige Übungen zur Ableitung von Lernvokabeln, z.B. indem Schüler Vokabeln nach Suffixen oder Präfixen segmentieren oder von derselben Wurzel weitere schon bekannte Vokabeln suchen (z.B. segmentieren: con-venire; am-are, am-or; nat-io, miss-io, lect-io, dominat-io). Ähnlich sind Übungen zur Ableitung oder Vergleichung von Fremdwörtern: Schüler können beim Fehlen solcher Übungen im Lehrbuch selbst anhand des Lektionstextes nach entsprechenden Fremdwörtern suchen.
Selbst gute Schüler haben oft Probleme mit der sehr häufigen Polysemie von Vokabeln – dies betrifft auch gerade die Lektürephase, in der trotz oder gerade wegen der Wörterbuchbenutzung nicht die kontextgerechte Bedeutung gerade von semantisch diffusen Vokabeln (z.B. habere, facere, ratio, modus u.ä.) herausgesucht werden. Gezielte Übungen hierzu sind eher selten; besonders praxisorientiert sind Übungen mit kleinen Satz-Kontexten wie z.B.:
Polysemie-Übungen (in Kontexten)

Was heißt petere in folgenden Sätzen:
milites idonea loca petiverunt ("aufsuchen")
milites armis inimicos petiverunt ("angreifen")
Cicero consulatum petivit ("sich bewerben")

Solche Übungen sollten ab der ersten Lektion regelmäßig zu bestimmten Problemvokabeln durchgeführt werden, denn schon z.B. bei magnus müssen Schüler zwischen "groß" und "bedeutend" bei der Übersetzung unterscheiden.

Zusammenfassen lassen sich all diese Aspekte im "Wortnetz", das man im Unterricht mit Schülern erstellen kann und das zu einer ganz umfassenden Umwälzung und Systematisierung von Wortschatz sowie zur Verknüpfung von Neuem mit Bekanntem führt3 :

amare
amicus
odiosus
odi
sentire

amare
diligere
odi
favere
placere

ama-tor
am-or
am-icus
am-ic-itia
in-im-icus

amare
diligere
favere

odi
spernere
neglegere

Sachfeld "Gefühl"

Wortfeld
"Gefühle"

Ableitung

Synonym

Gegenteil

 

amare
"lieben"

Fremd-/Lehnwort

Fremd-
sprachen

Kollokation/ Polysemie /
Valenz

Visualisieren

Lernkontext

Amateur

f. aimer
i. amare
s. amar

matrem amo
litteras amo
puellam amo
legere amo
sic dii me ament

amare

 

"habe ich
in Lektion ...
in der
Geschichte... gelernt"

Formenlehre
Ohne hinreichende Kenntnis der Formenlehre lässt sich kaum ein lateinischer Text richtig verstehen und übersetzen. Allerdings tun sich viele Schüler gerade mit der sicheren Beherrschung der Formenlehre besonders schwer. Ein Hauptproblem der gängigen Übungen zur Formenlehre liegt in der fehlenden Übersetzungsorientierung, oder anders ausgedrückt: in der mangelnden Verbindung von Form und Funktion. Dies ist deswegen problematisch, weil insbesondere fleißige (aber schwächere) Schüler zwar durchaus in der Lage sind, Formen korrekt zu analysieren und zu bestimmen, aber dennoch an der richtigen Übersetzung der Form im Satzkontext scheitern. Dieses Defizit müsste also eigentlich in Übungen kompensiert werden. Allerdings beschränken sich die meisten Formenübungen der Lehrbücher auf reine Analyse oder Bestimmung, trainieren hingegen nicht die kontextgerechte Übersetzung. Diese Art von Übungen spricht einseitig die analytisch begabte Spitzengruppe unter den Schülern an, ist aber für die Schwächeren (auch: nicht-gymnasialen Schüler) ganz offensichtlich nicht zielführend. Hier sollte eine praxis- und defizitorientierte Übung also genau das üben, was Schüler brauchen.

Die klassischen (und einseitigen) Bestimmungsübungen des Typs: Bestimme: dominus – domini – domino – etc. müssten dementsprechend erweitert werden durch Minikontexte wie etwa:
Bestimme die unterstrichene Form und übersetze: domino adsum – dominum video – domini veniunt – filius domini.

Hier sind zwei Aspekte relevant: Zum einen üben Schüler hier, dass dominum nicht einfach nur als "Akk. Sg. m." zu bezeichnen ist, sondern meisten als "den Herrn" zu übersetzen ist. Zum anderen üben sie die korrekte Unterscheidung und Übersetzung mehrdeutiger Formen wie domini je nach Kontext. Denn das bloße theoretische Wissen um die verschiedenen Bestimmungsmöglichkeiten führt ja nicht bei allen Schülern automatisch zur richtigen Übersetzung je nach Kontext.
Diese kleinen Kontexte sind insbesondere hilfreich bei der Einübung der Konjunktivformen, denn hier ist die richtige Übersetzung besonders stark vom jeweiligen Kontext abhängig. Hier nützt Lernenden die reine Bestimmung als Konjunktivform nichts, wenn sie nicht wissen, wie die Form im Deutschen wiederzugeben ist (als Konjunktiv, Indikativ oder modal). Denkbar sind hierzu kleine Sätze mit den in der realen Lektüre häufig vorkommenden Kontexten. Man kann die Übung rezeptiv oder auch aktiv durchführen:

Bestimme die unterstrichenen Formen und übersetze den Satz / Ersetze die unterstrichenen Formen durch die Verben in Klammern und übersetze:

  • opto, ut amica veniat (> adesse, adiuvare, scribere)
  • utinam venisset! (placere, bonum esse)
  • cum venissem, omnes abierunt. (> abire, cenare, ...)
  • ne veneris! (> loqui, dormire, scribere,...)
  • (non) venerit/veniat, si ego venerim/veniam

Einseitig wie die reinen Bestimmungsübungen sind auch die traditionellen und immer noch beliebten Formenschlangen des Typs: dico > 2. Pers. > Pl. > Pf. etc. oder auch bei Nomina puella > Pl. > Gen. > etc. Das Defizit von Schülern liegt eher darin, eine Form wie dixeras nicht korrekt als "du hattest gesagt" ins Deutsche zu übersetzen, während dagegen die aktive Formenbeherrschung zumindest im spätbeginnenden Lateinunterricht nicht unbedingt das Ziel ist. Ein Problem der Formenschlangen ist gerade bei schwächeren (v.a. nicht-gymnasialen) Schülern schon die Notwendigkeit, auf einer zunächst ganz theoretischen Ebene ständig im Bereich der Kategorien (Tempus – Modus – Person etc.) umdenken zu müssen; dies hat auch eine empirische Untersuchung von Studierenden an einer Latein-Realschulklasse in Osnabrück deutlich gezeigt. Es kommt hinzu, dass diese Formenschlangen wenig zeitökonomisch sind. Viel zeitsparender und für die Defizite schwächerer Schüler besser geeignet ist es, die Übung einfach umzudrehen: Bilden Sie selbst die Verbformen und lassen Sie die Ihre Schüler die Formen v.a. übersetzen: (Bestimme u.) übersetze: dicis – dicunt – dices – dixerant  oder bei früh beginnendem Latein auch deutsch-lateinisch: Übersetze: du kommst – sie kommen – ihr seid gekommen – er wird kommen. Wenn man nur den Formenbestand und seine Funktionen üben will, empfiehlt es sich, möglichst viele Formen mit demselben Lexem – bei ganz schwachen Schülern möglichst immer in derselben Person – zu trainieren (z.B. 3.Sg.). Die klassischen Formenschlangen sind angesichts der knapper werdenden Unterrichtszeit und einer zunehmenden Zahl nicht-gymnasialer Lateinschüler eher Übungen für die Spitzengruppe. Zu empfehlen sind sie v.a. für Studierende, um z.B. vor einem Schulpraktikum Defizite der aktiven Formenbeherrschung zu kompensieren.

Im Übrigen sind auch Lückentexte sehr gut geeignet, um die Verbindung von Form und Funktion im Sinne einer richtigen Übersetzung zu üben. Fehlen solche Übungen im Lehrbuch, können Sie sie sich leicht anhand bekannter Lektionstexte selbst erstellen: cuncti senator-□ ad curi-□ properav-□. ibi magn-□ turb-□ homin-□ vid-□.

-o
-s
-m
-t
-nt

fer-
laudav-
ven-
mone-

-e-
-a-
-era-
-ba-
-bi-


Um eine zeitökonomische Formenanalyse nach Morphemen zu üben, sind die Formen–Baukästen optimal:

Schüler können hier gerade auch im spätbeginnenden Lateinunterricht die wichtigen und zahlenmäßig begrenzten Morpheme zur Formenbestimmung einüben, ohne ganze Paradigmen auswendig können zu müssen. Zugleich wird die Funktion der Morpheme (z.B. –era- als Plusquamperfekt bzw. "hatte ... ") eingeübt, wenn die Formen (bestimmt und) übersetzt werden.

Syntax / satzwertige Konstruktionen

Auch wenn Schüler die Formenlehre hinreichend beherrschen und in der Lage sind, komplexe satzwertige Konstruktionen im Satzkontext abzugrenzen, ist keineswegs die richtige Übersetzung garantiert. Zu bestimmten satzwertigen Konstruktionen wie Abl. abs. bieten viele Lehrwerke überhaupt keine Übungen an, obgleich deren Übersetzung viele Schüler durchaus vor Probleme stellt: Sie müssen z.B. außer der reinen Abgrenzung der Konstruktion auch das zeitliche und logische Verhältnis zum Matrixsatz erkennen, um einen Abl. abs. richtig übersetzen zu können. So etwas lässt sich zeitökonomisch und praxisorientiert auch mit schwächeren Schülern anhand von Satzbaukästen trainieren, die sich mit bekannten Lektionstexten auch schnell erstellen lassen:

Bilde richtige Sätze aus folgenden Bausteinen  und übersetze:


libro lecto
magistro dormiente
(etc.)

discipuli valde gaudebant
magister domum rediit
discipuli ex schola fugerunt

Binnendifferenzierung: Bei ganz schwachen Schülern können Sie auch deutsche Übersetzungen vorgeben und danach die Sätze bilden lassen; dies erhöht das Training wegen der möglichen höheren Umwälzung.
Vergleichbar ist das Satzpuzzle: Hier werden kleinere Bausteine wie Puzzleteile vorgegeben, aus denen Schüler richtige Sätze bilden und selbst übersetzen (oder ihren Mitschülern zur Übersetzung vortragen) können (hier zum AcI):

dixit
credo
scimus
dicunt

venire
amare
venisse
pugnare
victos esse

semper
heri
numquam
saepe

puellam
dominum
milites
puerum
me

Sie können diese einzelnen Wörter auch auf kleine Kärtchen ausschneiden und als Puzzle mit in den Unterricht bringen, um so z.B. AcI-Beispiele von Schülern zusammenlegen zu lassen. Dies spart Zeit, da die Schüler die Sätze nicht aufschreiben müssen. Der Vorteil solcher Übungen gegenüber den beliebten Umformübungen (z.B.: scio: tu venisti > scio te venisse) ist die fehlende Möglichkeit, falsche Formen zu bilden, sowie das höhere kreative Potenzial.

Um die Übersetzung einzelner Sätze zu erleichtern, wird in Lehrwerken die Bestimmung von Satzgliedern geübt. Auch bei einer falschen Übersetzung dient die Satzgliedbestimmung vielfach dazu, Lernende zur richtigen Übersetzung zu führen. Doch auch hier leisten nicht alle Lernenden den Transfer von der (richtigen) Satzanalyse zur korrekten Übersetzung. Dieser Transfer  kann eigens geübt werden, indem man die Satzgliedanalyse mit der Übersetzung nach Wortblockmethode kombiniert: Schüler analysieren die Satzglieder, grenzen sie als Wortblöcke ab und übersetzen diese Wortblöcke zunächst als einzelne Satzsegmente getrennt. Anschließend fügen sie die deutschen Wortblöcke zu einem Satz zusammen. So übt man besonders die Vermeidung von Bezugsfehlern, z.B.: Grenze die Satzglieder als Wortblöcke ab und bestimme sie – übersetze nach Wortblöcken:

 

zur dritten Stunde

 

Lucius und Sextus

 

das Atrium Ciceros
Ciceros Atrium

 

(sie) betreten

tertia hora

Lucius et Sextus

atrium Ciceronis

intrant

Adv.

Subj.

Obj. (+ Attr.)

Präd.

Interessante Spezialfälle

Eine in neueren Lehrwerken häufig anzutreffende und bei Schülern auch beliebte "Übung" ist die sog. "Irrläufer-Übung", wie z.B. (hier mit Lösungen):

Welches Wort passt (aus sachlichen oder grammatischen Gründen) nicht in die Reihe? Begründe deine Antwort!

  • insula – bestia – hora – corpora – pax (Genus)
  • appropinquare – ambulare – currere – cogitare – ire (Semantik-Wortfeld)
  • miserum – gratum – possum – fessum – sanum (Wortart)
  • Britannicus – lectus– tempus – dominus – libertus (Flexionsstamm)

Nach den Kriterien für echte Übungen ist dies keine eigentliche "Übung": Hier wird nicht wirklich sprachpraktische Kompetenz (übersetzen) gefestigt oder automatisiert; überhaupt ist nicht transparent, was eigentlich "geübt" werden soll; zudem ist die "Übung" in dieser Form recht zeitaufwändig. Es handelt sich eher um einen Intelligenz-Test als um eine Übung, denn Schüler müssen das jeweils wechselnde Kriterium herausfinden, nach dem bestimmte Wörter auszusortieren sind. Eine bessere Übersetzung der jeweiligen Formen wird hier allerdings nicht direkt geübt. Es kommt die nicht immer gegebene Eindeutigkeit der Selektions-Kriterien hinzu: Theoretisch könnte man unter a) auch nach phonologischen Kriterien pax aussortieren. Ist hingegen das Kriterium für Lernende bekannt, kann tatsächlich etwas geübt werden, das bei Übersetzungsleistungen zu berücksichtigen ist, z.B. (als Unterscheidungsübung):
unterscheide:
     dominum – templum – militum – deum – senatorum
     venitis – ventis – sentis – sentitis – amatis
Hier können Schüler die Polysemie gleich aussehender Endungen bzw. Morpheme ganz gezielt üben, was wiederum eine direkte Übersetzungshilfe ist.
Ein weiterer Grenzfall sind die "Übungen" zum Sprachvergleich, die sich je nach Lehrwerk auf Wortschatz, Formenlehre oder sogar ganze Sätze bzw. Texte beziehen. Ein Beispiel zum Wortschatz sind etwa von Schülern auszufüllende mehrsprachige Tabellen wie:

Latein

Englisch

Französisch

Italienisch

Spanisch

Deutsch

       ?

 

 

 

el cuerpo

       ?

       ?

expect

 

 

 

       ?

       ?

 

bon

 

 

       ?

       ?

 

 

amore

 

       ?

Komplexer sind "Übungen" mit Sätzen in romanischen Sprachen, die Schüler mithilfe ihrer Lateinkenntnisse übersetzen sollen wie in folgendem italienischen Beispiel:
il padre vede suo figlio e sua figlia (> "der Vater sieht seinen Sohn und seine Tochter").
Auch hier handelt es sich gemäß den Kriterien nicht um eigentliche Übungen, die der Automatisierung lateinischer Sprachkenntnisse dienen. Vermittelt werden stattdessen eher sprachliche Bildung und die Einsicht in die historischen und genetischen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Sprachen. Werden solche Übungen regelmäßig durchgeführt, erwerben Schüler auch eher eine rezeptive Kompetenz in modernen Fremdsprachen durch die Herleitung sprachlicher Phänomene vom Lateinischen her. Allerdings ist dies natürlich auch nützlich und motivierend in Hinsicht auf eine erweiterte Sprachkompetenz im Sinne der Mehrsprachigkeit. Insofern handelt es sich um durchaus empfehlenswerte Übungen, sofern Sie und Ihre Schüler hieran Freude haben.

Fazit
Übungen sollten bestimmte Kriterien erfüllen, um auch einen wirklichen Übungseffekt zu haben. Besonders zu achten ist auf eine hinreichende Übersetzungsorientierung, um ohne Umwege das im Kerncurriculum genannte Ziel des Textverstehens zu unterstützen. Hierzu sind v.a. Übungen mit kleinen Kontexten zur Verbindung von Form und Funktion sinnvoll. Zum anderen sollte das im Kerncurriculum vorgegebene Baukastenprinzip auf der morphologischen und syntaktischen Ebene genügend berücksichtigt werden, um Analyse- und Verstehensprozesse zu ökonomisieren.

Peter Kuhlmann, Göttingen


3 Sehr nützlich: Klett Grundwortschatz nach Sachgruppen S. 4-16 und S. 238-240.