| |
Von Sonne, Jahr und Tag: Altrömische und ägyptische Ursprünge unseres Julianischen
Kalenders4
Heute ist Dienstag, der 17. November 2009, und in diesem Augenblick ist es 14 Uhr, 35 Minuten und 16 Sekunden - oder vielmehr: war es 16 Sekunden. Lassen wir die Uhrzeit heute ganz beiseite; dazu nur zum Auftakt die Bemerkung, dass eine Stundenzählung in der griechischen Welt erstmals aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. bezeugt ist, in einem Entwurf zu einer Athener Verfassung. Da heißt es: „Wer von den Ratsherren sich nicht bis zur angesagten Stunde im Rathaus eingefunden hat, soll für jeden Tag eine Drachme Busse zahlen, es sei denn, dass er zuvor Urlaub von der Ratssitzung beantragt hat und damit als entschuldigt gilt.“5 Aber lassen wir die Stunden, Minuten und Sekunden und auch die im 6. Jahrhundert n. Chr. aufgekommene Jahreszählung „nach Christi Geburt“ heute ganz beiseite und sparen wir uns die Frage, warum heute gerade Dienstag ist, für den Schluss auf.
Bleibt der 17. November 2009, in unserer postantiken aufsteigenden Tageszählung der 17. Tag des Monats November, oder wenn wir nach altrömischem Usus die Tage von drei Stichtagen im Monat aus rückwärts zählen und das Jahr nach dem höchsten Magistraten benennen: der 15. Tag vor dem Stichtag der sogenannten „Kalenden“, des Monatsersten, des Dezember, im 6. Jahr des Bundespräsidenten Horst Köhler. Der 17. November: Mit einem solchen Kalenderdatum können wir uns im Sonnenjahr zwischen Sommer- und Wintersonnenwende orientieren: Der längste Tag und die kürzeste Nacht liegen knapp fünf Monate zurück; der kürzeste Tag und die längste Nacht liegen gut einen Monat vor uns. Jetzt, zwei Jahrtausende nach Caesars Kalenderreform, werden Sie das vielleicht für die einfachste Sache von der Welt halten. Aber gleich, nach dieser kleinen Rückschau in die Kalendergeschichte, werden Sie sich vielleicht wundern, wie schwer auch die einfachsten Sachen von der Welt in ebendiese Welt zu setzen sind. Wie eine schlecht regulierte Uhr zu schnell oder zu langsam laufen, vor- oder nachgehen kann, so kann auch ein schlecht regulierter Kalender sozusagen vor- oder nachgehen, und im Kalender-Regulieren waren die römischen Priesterkollegien - höflich gesagt - keine großen Meister. Als Julius Caesar im Jahr 47 v. Chr. auf dem Rückweg von Ägypten, von Kleopatra, den pontischen König Pharnakes II. buchstäblich im Vorübergehen vernichtend schlug - daher ja die geflügelte Siegesdepesche „Veni, vidi, vici“, „Ich kam, ich sah, ich siegte“ -, schrieb man in Rom den 2. August, damals noch „Sextilis“. Eigentlich hätten zu der Zeit die Tage, seit der Sommersonnenwende Ende Juni, ja schon wieder kürzer werden müssen. Aber tatsächlich wurden sie noch immer länger; tatsächlich war es nämlich noch längst nicht der 2. August, sondern erst der 21. Mai. In diesem Jahr 47 v. Chr. ging der altrömische Kalender, wenn wir von Caesars Reform Anfang 45 v. Chr. zurückrechnen, um sage und schreibe 67Tage, gut zwei Monate, vor, und das war damals durchaus nichts Außergewöhnliches. Brauchte die Erde zu ihrem Umlauf um die Sonne - oder, aus antiker Sicht, die Sonne zu ihrem Umlauf um die Erde genau 365 Tage, keine Stunde, keine Minute und keine Sekunde
mehr oder weniger, so wäre das Kalendermachen keine große Kunst. Jahr für Jahr, von einem Neujahrstag zum nächsten, gingen die Sonne und der Kalender ihren immergleichen Gang durch die vier Jahreszeiten, und jeweils in der Silvesternacht, Null Uhr, Null Minuten,
Null Sekunden, ginge mit dem alten Sonnenjahr auch das alte Kalenderjahr zu Ende und nähme das neue seinen Anfang. Aber bekanntermaßen braucht die Erde zu ihrem Umlauf um die Sonne über diese 365 Tage hinaus ja noch einen knappen Vierteltag mehr, genau: 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden mehr, und die gilt es immer wieder auszugleichen, wenn es im Juli heißer Sommer und im Januar kalter Winter bleiben soll.
Bei der Rückkehr von seinem neunmonatigen Tête-à-tête mit Kleopatra hatte Caesar eine ägyptische Kalender-Idee im Hinterkopf, die eben diesen Ausgleich zwischen Sonne und Kalender viele Jahrhunderte lang aufs Beste geleistet hat und so - mit der geringfügigen Gregorianischen Korrektur von 1582 - noch auf viele Jahrhunderte hinaus leisten mag. Nach Caesars Ermordung an den „Iden des März“, dem 15. März 44 v. Chr. hatte der Julianische Schaltzyklus in den folgenden blutigen Bürgerkriegswirren zunächst einen peinlichen Fehlstart, bis Kaiser Augustus ihn ein halbes Jahrhundert später unter glücklicheren, friedlicheren Auspizien noch einmal neu anlaufen ließ. Seit jenem Neustart im Jahre 8 n. Chr. ist er bis heute über zwei Jahrtausende hinweg durchgehend gelaufen und gelaufen und gelaufen, und so halten wir heute Rückschau: auf den altrömischen Kalender, auf den ägyptischen Kalender, auf Caesars Kalenderreform im Jahre 45 v. Chr., auf Papst Gregors XIII. Kalenderkorrektur von 1582 - und halten wir zugleich Ausschau auf die nächste Korrektur voraussichtlich im Jahre 4000 und die übernächste im Jahre 40 000 n. Chr.
Am 13. Februar - römisch datiert: an den Iden des Februar - des Jahres 50 v. Chr. schreibt Cicero, in dem Jahr Prokonsul der kleinasiatischen Provinz Kilikien, einen seitenlangen Brief an seinen Freund Atticus, der den Winter in seiner griechischen Heimat verbrachte; er schließt ganz beiläufig mit der Bitte: „Sobald du weißt, ob es in Rom einen Schaltmonat gegeben hat oder nicht, schreib mir doch bitte ...“ 6 Es geht da, notabene, nicht um einen einzelnen Schalt-„Tag“, sondern um einen ganzen Schalt-„Monat“, und wer diesen Briefschluss heute liest, mag sich umso eher gleich zweimal die Augen reiben: Zunächst einmal darüber, dass ein römischer Statthalter in seiner kleinasiatischen Provinz am 13. Februar noch nicht wusste, ob in der Hauptstadt des Reiches zehn Tage später ein ganzer Schaltmonat eingeschaltet werde oder nicht, und noch einmal darüber, dass Cicero sich über diese Ungewissheit durchaus nicht zu verwundern oder gar zu empören scheint.
Vor Caesars Reform ging der römische Kalender in erster Linie nach dem Wechsel der vier Mondphasen zwischen Neumond und Halbmond, Vollmond und wieder Halbmond, in zweiter Linie nach der Sonne und den vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in dritter Linie nach der wechselnden Schaltfreudigkeit und Schaltmuffelei der römischen Priesterkollegien, in vierter Linie nach der noch rascher wechselnden tagespolitischen Opportunität - und bei all dem, wie Theodor Mommsen einmal bissig bemerkt hat, „gänzlich ins Wilde“. Der Zufall will es, dass zwölf Mondmonate von je rund 29
1/2 Tagen, zusammen rund 354 Tagen, annähernd einem Sonnenjahr von rund 365 Tagen entsprechen, und diese schöne runde Zwölfzahl, teilbar durch 2, 3, 4 und 6, hatte in Rom in früher Zeit zu einem Mondjahr von zwölfmal 29 1/2 Tagen, zusammen 354 Tagen, plus einem Tag geführt. Aus unerfindlichen, wohl abergläubischen Rücksichten hatten die Römer noch einen ungeraden 355. Tag hinzugefügt. Mit diesen 355 Tagen eilte das altrömische Mondjahr dem Sonnenlauf um zehn volle Tage voraus, von dem weiteren runden Vierteltag gar nicht erst zu reden. Man musste also immer wieder kräftig schalten, wenn man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Generation zu Generation weiter in den Frühjahrsmonaten säen, in den Herbstmonaten ernten und auch die entsprechenden Götterfeste zu ihrer Zeit im Wechsel der Jahreszeiten feiern wollte.
Mit einzelnen Schalttagen war da nicht viel auszurichten. Stattdessen legten die Römer seit alters statt einzelner Schalttage gleich ganze Schaltmonate von 22 oder 23 Tagen ein, und dies in einem regelmäßigen Vier-Jahres-Zyklus in jedem zweiten Jahr. Auf ein erstes Mondjahr von zwölf Mondmonaten und einem Tag, insgesamt 355 Tagen, folgte ein Schaltjahr mit 355 plus 22, insgesamt 377 Tagen, auf ein zweites Mondjahr von wieder 355 Tagen ein zweites Schaltjahr mit 355 plus nun 23, insgesamt 378 Tagen. In diesen Schaltjahren verschoben sich alle Liefer- und Zahlungstermine, alle Wahl- und Gerichtstermine gleich um eine - je nachdem ersehnte oder verwünschte - Monatsfrist von 22 oder 23 Tagen. Das altrömische Bauernjahr begann am 1. März mit dem Beginn der Feldarbeit; die Schaltmonate wurden jeweils gegen Jahresschluss - nicht am Jahresschluss - Ende Februar nach dem feuchtfröhlichen „Grenzsteinfest“ am 23. Februar in den Kalender eingefügt, die restlichen Februartage daran angehängt. Damit war der Fehler freilich schon mehr als ausgeglichen. Vier Sonnenjahre von je rund 365 1/4 Tagen haben zusammen rund 1461 Tage; dieser altrömische Vier-Jahres-Zyklus von 355 und 377, wieder 355 und nun 378 Tagen hatte insgesamt 1465 Tage. Das waren in jedem solchen Vier-Jahres-Zyklus gerade vier Tage zu viel, und damit ging dieser altrömische Kalender gegenüber dem Sonnenlauf in jedem Jahr um einen Tag, in einer Generation um einen Monat nach.
Aber diese Ungenauigkeit bedeutete nichts gegenüber der Unbekümmertheit, mit der die zuständigen Priesterkollegien diesen Schaltzyklus handhabten. Zumindest in den letzten beiden Jahrhunderten der römischen Republik machten die römischen Oberpriester von ihrer
Kalenderkompetenz offensichtlich recht willkürlich Gebrauch. Vielfach beruhte der lässliche Umgang mit den Schaltmonaten wohl nur auf schierer Unwissenheit oder Unachtsamkeit, doch nicht selten waren dabei auch politische und persönliche Interessen im Spiel: Auch diese Oberpriester stammten ja aus der noblen politischen Klasse, und manch einer mag da versucht gewesen sein, über diesen kalendarischen Schalthebel einen politischen oder forensischen Termin, einen Wahltermin oder einen Amtsantritt, einen Gerichtstermin oder einen Fristablauf, je nach der so oder so gegebenen Opportunität ein paar Wochen vorzuziehen oder auf die lange Bank zu schieben. Ich hatte Ihnen vorhin den Brief zitiert, in dem Cicero sich Mitte Februar bei seinem Freund Atticus erkundigt, ob es in Rom gegen Ende des Monats wohl einen Schaltmonat gebe oder nicht. Ihm ging es um die Dauer seines ungeliebten Amtsjahrs im hintersten Kleinasien. Schon auf der Reise in seine kilikische Provinz hatte Cicero den Freund gebeten, sich dafür einzusetzen, dass dieses unbequeme Prokonsulatsjahr nicht auch noch zu einem extralangen Schaltjahr werde: „Ich bitte Dich“, schreibt er: „Kämpfe darum - ut pugnes -, dass es in diesem Jahr nicht auch noch einen Schaltmonat gibt!“ 7
Schon längst vor der aufgewühlten Bürgerkriegszeit der späten Republik war der altrömische Kalender, mit Mommsens bissigem Aperçu, „gänzlich ins Wilde“ gegangen. Im Jahre 190 v. Chr., als die Römer im Westen über den gefürchteten Erzfeind Hannibal und die Karthager, im Osten über die mächtigen hellenistischen Könige Philipp V. und Antiochos III. triumphiert hatten und den Mittelmeerraum von Spanien bis Kleinasien dominierten, eilte der Kalender der Triumphatoren dem Sonnenlauf um 119 Tage, volle vier Monate, voraus. Das wäre, wie wenn jetzt, da wir den November schreiben, in Wahrheit erst Juli wäre, oder, um es meteorologisch zu sagen: wie wenn wir jetzt statt unwirtlichem Novemberwetter herrlich heißes Juliwetter und 30 Grad im Schatten hätten.
Im Jahre 168 v. Chr., dem Jahr des glanzvollen römischen Sieges über den Makedonenkönig Perseus, hatte der römische Kalender immer noch - oder schon wieder - 74 Tage Vorsprung. Elf Jahre später, in Ciceros Konsulatsjahr 63 v. Chr., ging der Kalender ausnahmsweise einmal richtig oder doch fast richtig. Doch schon bald darauf, im Jahre 46 v. Chr., als der zum Dictator erhobene Caesar auf der Höhe seiner Macht vier glanzvolle Triumphe auf einmal feierte, hatte der Kalender des Weltreichs die Nase - oder sagen wir hier: das Neujahr – schon wieder weit vorn: In seinem allemal spannenden Wettlauf mit der Sonne hatte er, als wollte er’s ihr noch einmal richtig zeigen, in diesen siebzehn Jahren, siebzehn Runden, schon wieder 90 Tage, ein volles Vierteljahr, Vorsprung herausgeholt: Davon gingen 23 Tage auf das Konto eines regulären Schaltmonats und die übrigen 67 Tage auf das Konto des allgemeinen Schaltwirrwarrs.
Mit feiner Ironie hat Ovid den legendären Stadtgründer Romulus am Anfang seines Kalendergedichts auf dieses eklatante Missverhältnis zwischen Triumphzügen und Kalenderwirrwarr angesprochen: „Ja, ja: auf die Waffen hast du dich seit jeher besser verstanden, Romulus, als auf die Gestirne“, „Scilicet arma magis quam sidera, Romule, noras“.8
Diesem jahrhundertealten Kalenderwirrwarr hat Caesar im Jahre 45 v. Chr. mit seiner in derSache durchgreifenden, in der Form äußerst behutsamen Kalenderreform mit einem Schlag und ein für alle Mal ein Ende gemacht. Im Jahre 46 hatte er den altrömischen Kalender mit drei Schaltmonaten, einem ordentlichen von 23 Tagen im Februar und zwei außerordentlichen von zusammen 67 Tagen zwischen November und Dezember noch buchstäblich à jour gebracht. Am 1. Januar 45 v. Chr. - ein gutes Jahr nach seiner Rückkehr aus Ägypten und ein gutes Jahr vor seiner Ermordung an den „Iden des März“ - gab er den Startschuss für den neuen Kalender mit seinen 365tägigen Sonnenjahren und seinem Schalttag in jedem vierten Jahr. Hier müssen wir nun ein wenig weiter zurückschauen; denn dieser von Kopf bis Fuss, von Januar bis Dezember so römisch eingekleidete, nach Julius Caesar so römisch benannte „Julianische“ Kalender ist eigentlich ein griechischer Ptolemäischer und letztlich ein altägyptischer Kalender.
Der ägyptische Kalender ist der älteste, den wir kennen, und zugleich der einfachste, der sich denken lässt. Gestützt auf eine langjährige sorgfältige Beobachtung der Nilschwelle und des Siriusaufgangs hatten die ägyptischen Priesterschaften bereits in frühester Zeit ein erstaunlich genau bemessenes Sonnenjahr von 365 Tagen eingeführt. Dieses ägyptische Jahr gliederte sich in zwölf gleich lange Mondmonate zu je dreißig Tagen - zusammen 360 Tagen – und fünf Extra-Feiertage für die Götter Osiris, Horus, Seth, Isis und Nephthys. Das war schon einfach genug, doch was diesen Kalender vollends einfach machte, war der Verzicht auf jegliche Schaltung. Wie seine - etwas zu langen - Beinahe-Mondmonate von dreißig Tagen sich von Monat zu Monat durch die wechselnden Mondphasen schoben, so schoben sich seine - etwas zu kurzen - Beinahe-Sonnenjahre von 365 Tagen von Jahr zu Jahr durch die wechselnden Jahreszeiten. Jahr für Jahr ging dieser Kalender gegenüber dem ursprünglichen Jahresbeginn, wohl dem Siriusaufgang, um einen Vierteltag vor; Jahr für Jahr wurde es um einen Vierteltag, alle vier Jahre um einen ganzen Tag früher Sommer und Winter. In einem Menschenleben von damals - sagen wir: - dreißig oder allenfalls sechzig Jahren machte diese stetige Verschiebung der Jahreszeiten gegenüber dem Kalender nicht mehr als sieben oder vierzehn Tage aus. Doch im Laufe der Jahrhunderte kam ein Tag zum anderen, ein Monat zum anderen, ein Vierteljahr zum anderen, bis nach jeweils viermal 365 Jahren, 1460 Jahren,
der Jahresbeginn wieder nahezu mit dem Siriusaufgang zusammenfiel. Auch eine Uhr, die jeden Tag fünf Minuten nachgeht, geht nach zwölfmal zwölf, also nach 144 Tagen wieder einmal richtig. Natürlich war den Ägyptern diese von Generation zu Generation fortschreitende Abweichung ihres Jahreslaufs vom Sonnenlauf bewusst, und dies längst ehe die Babylonier wohl schon im 8. Jahrhundert v. Chr. die Jahreslänge auf Grund der periodisch wiederkehrenden Sonnenfinsternisse auf etwas weniger als 365 1/4 Tage berechneten. Es hätte gewiss weder großer Phantasie noch großer Rechenkünste bedurft, diese Abweichung von knapp sechs Stunden, fast einem Vierteltag, durch einen Schalttag in jedem vierten Jahr auszugleichen. Doch den ägyptischen Kalendermachern war an einem Ausgleich zwischen Kalender und Sonnenlauf offenbar wenig bis gar nicht gelegen. Zu einem solchen Vorstoß ist es in Ägypten erst unter den griechischen Ptolemäern gekommen, und da war neben jenem Quäntchen Phantasie auch ein ordentliches Quantum Eitelkeit im Spiel. Im späteren 3. Jahrhundert v. Chr. gedachte König Ptolemaios III. mit dem Beinamen Euergetes, der „Wohltäter“, im Anschluss an die fünf Extra-Feiertage zu Ehren der ägyptischen Götter in jedem vierten Jahr noch einen sechsten Extra-Feiertag einzuschalten, und diesen zu Ehren seiner selbst und seiner Gattin Berenike II. Dieser eine Schalttag in jedem vierten Jahr hätte den ägyptischen Kalender nahezu perfekt in Gleichlauf mit dem Sonnenjahr gebracht und unseren Julianischen Schalttag um fast zwei Jahrhunderte vorweggenommen. Aber die ägyptischen Kalenderpriester wollten ihrem griechischen, Ptolemäischen „Wohltäter“ diese allzu durchsichtige Wohltat durchaus nicht abnehmen, und
so blieb der zukunftsträchtige Geniestreich, die Korrektur des 365tägigen ägyptischen Jahres durch einen Schalttag in jedem vierten
Jahr, vorerst unausgeführt.
Im Herbst 47 v. Chr. ist Julius Caesar von seinem ägyptischen Abenteuer mit Kleopatra nach Rom zurückgekehrt; bereits Anfang 45 v. Chr. hat er seinen neuen Julianischen Kalender in Rom anlaufen lassen. Es liegt nahe anzunehmen, dass der neunmonatige Aufenthalt in Ägypten, dem Land einer Jahrtausende alten Kalendertradition, ihn zu dieser Kalenderreform inspiriert hat, und insbesondere, dass jener zwei Jahrhunderte zuvor erwogene und damals verworfene „Ptolemäische“ Schalttag ihm den Weg zu seinem Julianischen Schalttag gewiesen hat.
Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. hatte der geniale griechische Astrononom Hipparchos von Nikaia den gängigen runden Wert für die Länge des Sonnenjahres von rund 365 1/4 Tagen auf 365 Tage und 5 Stunden, 55 Minuten und 12 Sekunden, fast, fast genau einen Vierteltag präzisiert; er war dem richtigen Wert damit auf 6 Minuten und 26 Sekunden nahe gekommen. So brauchte es zur Einführung eines 365tägigen Sonnenjahrs und eines Schalttags in jedem vierten Jahr nicht mehr so sehr astronomischen Schöpfergeist als vielmehr den Mut zu einer grundstürzenden, grundlegenden Innovation und das Geschick, diese Innovation in der römischen Gesellschaft durchzusetzen. Caesars Kalenderreform war ein Meisterstück der politischen Verpackungskunst. Caesar und sein astronomischer Berater Sosigenes brachten es fertig, den für Rom neuen ägyptischen, Ptolemäischen Kalender so täuschend römisch einzukleiden, dass der gewöhnliche Gaius oder Quintus, Lucius oder Marcus die Neuerung
im Alltag, wenn nicht gerade Schalttag war, kaum wahrnahm. Der offizielle bürgerliche Jahresbeginn wurde vom 1. März, dem Neujahrstag des alten Bauernkalenders, auf den 1. Januar, den Beginn des römischen Amtsjahres, vorgezogen. Aber im Übrigen mochte es scheinen, als sei alles beim Alten geblieben. Es gab keine Einheitsmonate von 30 Tagen, so praktisch dies gewesen wäre - und bis heute wäre -, und keine fünf Extra-Feiertage. Die zwölf Monate behielten ihre gewohnte wechselnde Länge; statt wie vorher 29 oder 31 Tage hatten sie nun 30 oder 31 Tage, der Februar hatte weiter seine altvertraute und bis heute altgewohnte Länge - oder Kürze - von 28 Tagen. Auch die Tageszählung blieb die alte: Die Tage wurden weiterhin, so umständlich es war, vom nächsten Monatsersten und zwei weiteren Stichtagen aus rückwärts gezählt. So konnten die Römer ihre Briefe wie gewohnt auch fortan auf den „soundsovielten Tag vor den Kalenden“, „vor den Nonen“ oder „vor den Iden“ dieses oder jenes Monats datieren und sich angesichts der simplen Frage, wie lange zum Beispiel ein Brief vom „3. Tag vor den Iden des März“ - vor dem 15. März - bis zum „17. Tag vor den Kalenden des April“ – vor dem 1. April - wohl unterwegs gewesen war, weiterhin die Köpfe heiß und die Finger wund rechnen. (Zum Nachrechnen: Die Stichtage wurden mitgezählt; es sind, vom 13. bis zum 16. März, drei Tage.) Dieser Julianische, in seinem Kern ja ägyptische, „Ptolemäische“ Kalender kam von Kopf bis Fuß, von Januar bis Dezember ganz unverfänglich im Kostüm des altrömischen Kalenders daher, oder sagen wir’s moderner: Dieser neue Julianische Kalender behielt die „Benutzeroberfläche“, die wechselnden Monatslängen und die rückläufige Tageszählung, des altrömischen Kalenders fast unverändert bei, und der Zufall brachte es mit sich, dass der neue Schaltzyklus wie der alte wieder ein Vier-Jahres-Zyklus war.
Der durchgehend befolgte Grundsatz einer denkbar unauffälligen, unanstößigen Reform, der sich in all dem zu erkennen gibt, bestimmte auch die Platzierung des Schalttags in jedem vierten Jahr. Die Schaltmonate des alten Kalenders waren jeweils nach dem nachbarlichen „Grenzsteinfest“ gegen Ende des alten Bauernjahres und damit gegen Ende Februar eingeschoben worden. Eben diesen Platz nahm nun der Schalttag des Julianischen Kalenders ein, mit der postantiken aufsteigenden Tageszählung: nach dem 23., also am 24. Februar, oder mit der römischen, vom nächsten Stichtag, dem Monatsersten des März, ausgehenden rückläufigen Zählung: vor dem „sechsten Tag vor den Kalenden des März“. Die Römer nannten diesen Julianischen Schalttag danach den bissextus dies, den Tag, an dem man „zum
zweitenmal den sechsten Tag (vor dem Monatsersten des März)“ schrieb; daher rührt noch der italienische anno bisestile und die fran- zösische année bissextile.
Hier gilt es ein verbreitetes Missverständnis aufzuklären: Unsere fortlaufende Tageszählung vom 1. bis zum 30., 31. oder im Februar bis zum 28. lässt in einem Schaltjahr den überzähligen 29. Februar als den Schalttag erscheinen. Aber wer an einem solchen 29. Februar geboren ist (wie es fast auch mir geschehen wäre), darf mit vollem Recht nicht nur an jedem folgenden 29., sondern zwischenhinein auch an jedem 28. Februar Geburtstag feiern. Der eigentliche Julianische Schalttag ist ja nicht dieser scheinbar überzählige 29., sondern der eingeschobene 24. Februar, der die folgenden Tage um je einen Zähler vor sich her schiebt. Der römisch-katholische Heiligenkalender lässt die alte Tagesfolge und die alte Fuge noch erkennen: Ein Matthias oder Mathis hat in einem Schaltjahr statt am 24. erst am 25. Februar, eine Antonia statt am 28. erst am 29. Februar Namenstag, und unter dem 24. Februar ist in einem Schaltjahr statt eines Heiligennamens lediglich „Schalttag“ vermerkt. Die Väter des Heiligenkalenders haben sich wohl gescheut, auch nur dem mindesten Sanctus oder der mindesten Sancta einen Ehrentag anzutragen, der nur alle vier Jahre wiederkehrt.
Die Behutsamkeit, die der sonst so unbekümmert schaltende und waltende Dictator sich hier auferlegt hat, lässt auf entsprechende Widerstände in der römischen Gesellschaft schließen. Es bedurfte der diktatorischen Machtfülle eines Caesar, den unauflöslichen Gordischen Knoten dieser altrömischen Kalenderzöpfe kurzerhand mit einem Edikt, einer Weisung, zu zerschlagen. Caesar handelte hier als Pontifex maximus, aber alle priesterliche Amtsgewaltund alle persönliche Autorität, auch alles Bemühen, das vertraute Namensgewand und
Datengerüst des alten Kalenders aufs Peinlichste zu bewahren, konnten ihm Hohn und Spott seiner Gegner nicht ersparen. Selbst in diesem Kalender-Edikt witterten Caesars politische Gegner noch den widrigen, beißenden Ruch der Dictatur. Auf die beiläufige Bemerkung
eines Freundes, morgen gehe das Sternbild der Leier auf, erwiderte Cicero in jenen Tagen einmal bitter und trocken: „Ja, ja: alles gemäß Edikt!“9
Der am 1. Januar des Jahres 45 angelaufene neue Kalender überlebte die Ermordung seines Begründers an den „Iden des März“, am 15. März 44 v. Chr., und mit dem klaren Sieg der Caesarianer über die Verschwörer bei Philippi im Herbst 42 v. Chr. war sein Fortbestand für’s erste gesichert. Wer weiß, welches Datum wir heute schrieben, wenn damals die Verschwörer gesiegt hätten ...
Allerdings hatte der neue Schaltzyklus mit seinem einen Schalttag in jedem vierten Jahr in den Wirren neuer Machtkämpfe und eines neuen Bürgerkriegs einen peinlichen Fehlstart. Die Nachfahren des Romulus verstanden sich nun einmal, mit Ovids vorher zitiertem Wort, eher auf Rüstung, Helm und Schwert als auf Sonne, Mond und Sterne, und so schalteten die zuständigen Priesterkollegien bar jeder astronomischen und kalendarischen Vernunft schon in jedem dritten statt in jedem vierten Jahr einen Schalttag ein; sie hatten, nach üblicher römischer Zählweise, jeweils das letzte Schaltjahr mitgezählt: 2000 / 2001 / 2002 / 2003! Es dauerte volle 36 Jahre, bis die peinliche Fehlleistung dieser schaltfreudigen Oberpriester auch nur entdeckt wurde, und weitere zwölf Jahre, bis man den bis dahin aufgelaufenen Fehler wieder ausgeglichen oder vielmehr ausgesessen hatte.10 Ein gutes halbes Jahrhundert nach seinem unglücklichen Fehlstart ließ Kaiser Augustus den Julianischen Vier-Jahres-Zyklus mit einem Schalttag im Februar 8 nach Christus ein zweites Mal anlaufen, und dieser zweite Anlauf stand unter glücklicheren Auspizien: Seit jenem Schaltjahr 8 n. Chr. ist unser Schaltzyklus bis zu diesem Schaltjahr 2008 über gerade zwei Jahrtausende, 500 Schaltzyklen, hinweg seinen geregelten Gang gegangen. Es ist natürlich purer Zufall, dass jenes Schaltjahr 8 n. Chr. und so auch alle weiteren Schaltjahre in unserer Jahreszählung „nach Christi Geburt“ Vielfache der Vier sind. In jenem Schaltjahr 761 ab urbe condita, „nach Gründung der Stadt“, haben sich die alten Römer ja nicht träumen lassen, dass sie zugleich bereits in einer neuen, jungen Ära lebten und dass man dieses Jahr einmal als das Jahr 8 post Christum natum, „nach Christi Geburt“, zählen werde.
Kaiser Augustus hat nach diesem ersten richtig geschalteten Schalttag noch ein Schaltjahr erlebt, und wir lassen nun wie jener Julianische Kalender die Reihe der Jahrhunderte an uns vorüberziehen. Kaiser Konstantin siegt an der Milvischen Brücke vor den Toren Roms unter dem Zeichen des Kreuzes; der Westgotenkönig Alarich plündert die Ewige Stadt, und das „Neue Rom“ Byzanz löst das alte Rom ab; Karl der Große wird in Rom zum Kaiser gekrönt; die Siedlung am „Hohen Ufer“ der Leine mit ihrer alten Georgskirche tritt - gegen Ende des 11. Jahrhunderts - unter dem Namen Honovere ins Licht der Geschichte ein, ohne vorerst groß von sich reden zu machen; Gutenberg erfindet die Druckkunst, und Kolumbus entdeckt Amerika; Raffael malt im Vatikan die „Schule von Athen“, und Papst Paul III. stellt das Reiterstandbild Marc Aurels auf dem Kapitol auf - und während all das und noch viel, viel mehr geschah, lief Caesars Kalender, ohne je aus dem Takt zu geraten, von Schaltjahr zu Schaltjahr fort und fort. Diese außerordentliche Langlebigkeit ließ schließlich einen lässlichen menschlichen, allzumenschlichen Altersfehler, eine leichte Neigung zum Zuspätkommen, in Erscheinung treten. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich der anfänglich kaum merkliche Rest-Fehler des Julianischen Kalenders gegenüber dem Sonnenlauf allmählich zu einem nicht störenden, aber doch messbaren Fehlbetrag ausgewachsen.
Der Fehler war sozusagen genetisch bedingt: Gemessen an dem Sonnenjahr von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden ist das Julianische Jahr von 365 Tagen und 6 Stunden um genau 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang. Gegenüber vier Sonnenjahren ist ein Julianischer Vier-Jahres-Zyklus damit um 44 Minuten und 56 Sekunden zu lang. Alle vier Jahre wird es um diese knappe Dreiviertelstunde früher Sommer und Winter. Im Laufe der Jahrhunderte summierten sich die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Tagen. Im frühen Mittelalter ging der Julianische Kalender um eine ganze Woche nach; als Karl der Große unter den Weihnachtsglocken des Jahres 800 n. Chr. - am 25. Dezember - in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, läuteten im Himmel über der Ewigen Stadt gerade schon die Neujahrsglocken des Jahres 801 das neue Jahrhundert ein. Erst nach mehr als tausend Jahren, erst im 13. Jahrhundert, ist der mangelnde Gleichlauf dieses irdischen Kalenders mit dem himmlischen Sonnenlauf in den Blick gekommen. Auf mehreren Konzilen gelangte das Kalenderproblem auf die Traktandenliste, aber auf keinem ins Beschlussprotokoll, und noch das Tridentinische Konzil, das von 1545 bis 1563 achtzehn Jahre lang in Trient tagte, vertagte diese Diskrepanz zwischen Himmel und Erde schließlich als vergleichsweise nicht dringlich: Mit Reformation und Gegenreformation hatte man Wichtigeres zu verhandeln.
Im Jahr 1582 entschloss sich Papst Gregor XIII., das ständig vertagte Traktandum endlich zu erledigen. In seiner Kalender-Bulle unter dem beziehungsreichen Schalttags-Datum des 24. Februar verfügte er zunächst einen Ausgleich des bis dahin aufgelaufenen Kalenderfehlers von rund zehn Tagen: Noch im Herbst des gleichen Jahres 1582 sollte auf den 4. Oktober unmittelbar der 15. Oktober folgen. Zugleich verfügte Gregor XIII. vorsorglich einen entsprechenden Ausgleich für die Zukunft: Da der für einmal berichtigte Fehler in hundert Jahren gut einen Dreivierteltag, in vierhundert Jahren gut drei Tage ausmachte, sollten von den Jahrhundertjahren künftig nur noch die Vielfachen der Vierhundert, die Jahre 1600, 2000, 2400 und so fort, Schaltjahre sein: Danach sind die Säkularjahre 1700, 1800 und 1900 keine Schaltjahre, das Millenniumsjahr 2000 wieder ein Schaltjahr gewesen. So wurde der vierjährige Schaltzyklus des Julianischen Kalenders in den durch vier teilbaren Kalenderjahren zufällig, aber doch stimmig von dem vierhundertjährigen Schaltzyklus dieses korrigierten „Gregorianischen“ Kalenders in den durch vierhundert teilbaren Kalenderjahren überlagert. Unausweichlich geriet dieser neue „Gregorianische“, dem alten Julianischen Kalender um zehn Tage vorauseilende Kalender in die religiösen und politischen Wirbel von Reformation und Gegenreformation; er hatte es schwer, sich in der heillos zwischen Katholiken und Protestanten gespaltenen Welt durchzusetzen. Der von Gregor XIII. mit dem Kalendersprung vom 4. auf den 15. Oktober 1582 äußerst knapp angesetzte Termin ließ sich nur in Italien, Spanien und Portugal und in Teilen Polens durchsetzen; Frankreich folgte mit einem Sprung vom 9. zum 20. Dezember. Die deutschen Bistümer und Erzbistümer führten den Gregorianischen Kalender gestaffelt mehrheitlich im folgenden Jahre 1583 ein, die katholischen Schweizer Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Zug, Freiburg und Solothurn folgten wieder ein Jahr später mit einem Kalendersprung vom 11. auf den 22. Januar 1584. Kein Wunder, dass die Lutheraner und die Reformierten für diese päpstliche Kalenderkorrektur
zunächst taube Ohren hatten. Mehr als ein Jahrhundert lang bot die Landkarte Europas wie konfessionell, so kalendarisch ein buntgeschecktes, hier „gregorianisch“, da „julianisch“ eingefärbtes Bild. Es herrschte eine geradezu babylonische Kalenderverwirrung: Wie der Reisende heute beim Übergang von einer Zeitzone in die andere die Armbanduhr um eine Stunde vor- oder zurückstellen muss, so musste er damals beim Wechsel von einem Konfessionsgebiet ins andere den Terminkalender gleich um volle zehn Tage vor- oder zurückstellen. Erst gut ein Jahrhundert nach Papst Gregors Kalenderkorrektur, erst im Säkularjahr 1700 führten das protestantische Deutschland, Dänemark und Norwegen einen sogenannten „Verbesserten Kalender“ ein, der auf den 18. Februar sogleich den 1. März folgen ließ und so auch den von Papst Gregor gestrichenen Schalttag elegant übersprang. Um die Mitte des gleichen Jahres folgten die Niederlande, am Anfang des nächsten Jahres die reformierten Schweizer Kantone Zürich, Bern, Basel, Genf und Schaffhausen, eine Generation später die Ostschweizer Kantone Glarus, Appenzell und St. Gallen und wieder eine Generation später, 1752 und 1753, Großbritannien und Schweden. Als letzter Schweizer Kanton folgten die Bündner, unter hartnäckigem Widerstreben und zu gestaffelten Terminen zwischen 1760 und 1812; die Engadiner Gemeinde Susch musste durch Waffengewalt zum Gregorianischen Kalender bekehrt werden. Russland, das mit den orthodoxen Kirchen bis dahin „julianisch“ datiert hatte, ist erst Anfang 1918 „gregorianisch“ geworden; daher kommt es, dass Russland den Jahrestag der „Oktober“-Revolution vom 25. Oktober 1917 seither erst am 7. November feiert. Griechenland, die Heimat des alten Hipparch, schreibt wie die Türkei erst seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Gregorianische Daten, China erst seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Der Rest-Fehler des Julianischen Kalenders von 11 Minuten und 14 Sekunden in jedem Jahr läuft in jedem Vier-Jahres-Zyklus zu knapp einer Dreiviertelstunde, in jedem Vierhundert-Jahres-Zyklus zu drei Tagen und knapp drei Stunden auf. Davon kann die Gregorianische Kalenderkorrektur mit der Streichung dreier Schalttage, nächstens in den Jahren 2100, 2200 und 2300, natürlich nur die drei ganzen Tage ausgleichen. Der verbleibende Rest-Rest-Fehler, der in einem solchen Vierhundert-Jahres-Zyklus genau 2 Stunden, 53 Minuten und 20 Sekunden ausmacht, summiert sich in jeweils gut 3300 Jahren wieder zu einem ganzen Tag. Das soll uns heute Abend nicht beunruhigen. Wir lassen dann einfach, in geradliniger Fortsetzung jener Vier-Jahres- und Vierhundert-Jahres-Zyklen, das eine Schaltjahr 4000 n. Chr. aus und verfügen das Gleiche für alle weiteren durch 4000 teilbaren Kalenderjahre. Damit wäre die Welt, was diesen Punkt betrifft, vorerst wieder im Lot. Der dann noch verbleibende Rest-Rest-Rest-Fehler von einer guten Stunde in jeweils tausend Jahren dürfte uns wirklich erst an den geflügelten „griechischen Kalenden“, die ja in keinem Kalender stehen, wieder zu schaffen machen. Wenn Gott will und wir leben - Deo volente, nobis viventibus -, können wir im Jahre 40 000 n. Chr. ja nochmals entsprechend verfahren.
Nun hatte ich Ihnen ja zu guter Letzt noch sagen wollen, warum heute gerade Dienstag ist. Natürlich, weil gestern Montag war, und Montag war gestern, weil vorgestern Sonntag war, und Sonntag war vorgestern, weil ... Das ist zwar alles richtig, aber da können wir so fortfahren, bis „die feuchte Nacht - vollends - vom Himmel stürzt und die fallenden Gestirne zum Schlafe mahnen“11 - wenn es einer solchen Mahnung für Sie dann überhaupt noch bedürfte.
Bekanntlich haben unsere sieben Wochentage ihre Namen von den sieben Planeten des antiken geozentrischen Weltbildes und von den ihnen zugeordneten Planetengöttern. Die sieben Planeten der Antike sind - in der Folge ihrer Umlaufzeiten - zuäußerst der Saturn, dann der Jupiter, der Mars, die Sonne, die Venus, der Merkur und zuinnerst der Mond. Ursprünglich hießen diese sieben Planeten nach sieben babylonischen Planetengöttern, dann in der griechischen und in der römischen Welt nach den entsprechenden griechischen und den entsprechenden römischen Planetengöttern. Im Deutschen haben die germanischen Götter Thingsus alias Ziu dem Dienstag alias „Ziischtig“, der germanische Donar dem Donnerstag, die germanische Freyja dem Freitag und der jüdische Sabbat dem Samstag den Namen gegeben. Aber in den Wochentagsnamen der Neuen Sprachen geben sich die römischen Planetengötter sonst noch deutlich zu erkennen, so, wenn wir wieder von außen nach innen gehen, der Saturn im englischen Saturday, der Göttervater Jupiter in den romanischen Wochentagsnamen jeudi oder giovedi, der Kriegsgott Mars im mardi oder martedi, der Sonnengott Sol in unserem „Sonntag“, die Liebesgöttin Venus im vendredi oder venerdi, der Wirtschaftsgott Merkur im mercredi oder mercoledi, die Mondgöttin Luna in unserem „Montag“, im lundi oder lunedi. Nach der Lehre zunächst der babylonischen, dann der griechischen und der römischen Astrologie haben diese sieben Planetengötter reihum die Regentschaft über unsere Tage inne. Heute, Dienstag, mardi oder martedi, wäre demnach der Tag des Mars. Aber da fällt ja auf, dass die Folge unserer Wochentage keineswegs der Folge dieser sieben Planeten und ihrer Planetengötter entspricht. Wäre es so, müsste die Folge der Wochentage von der Saturnsphäre aus, von außen nach innen, ja Samstag, Donnerstag, Dienstag, Sonntag, Freitag, Mittwoch, Montag lauten oder allenfalls umgekehrt von der Mondsphäre aus, von innen nach außen, Montag, Mittwoch, Freitag, Sonntag, Dienstag, Donnerstag, Samstag. Vielmehr scheinen unsere Wochentage munter von einer Planetensphäre zur anderen, von einem Planetengott zum anderen zu springen: vom Saturn hinab zur Sonne und weiter zum Mond, hinauf zum Mars, hinab zum Merkur, wieder hinauf zum Jupiter, wieder hinab zur Venus und schließlich wieder zum Saturn: eine hektische Springprozession kreuz und quer durch das ganze geozentrische Planetensystem.
Die Lösung des Rätsels liegt darin, dass das Regime dieser sieben Planetengötter nicht nur von Tag zu Tag, sondern zugleich und zunächst von Stunde zu Stunde wechselt, vierundzwanzigmal am Tag. Der Regent der 1. Tagesstunde bleibt der herrschende Regent des ganzen Tages; unter seiner Herrschaft wechselt das Regime in den 24 Tagesstunden noch dreimal durch den ganzen Reigen der Planetengötter. Beginnen wir mit dem äußersten Planeten, dem Saturn, dem Regenten des Samstags, des Saturday. An einem Samstag ist der Saturn der Regent der 1. Tagesstunde und bleibt damit der herrschende Regent dieses ganzen Tages; er wird an „seinem“ Saturn-Tag im Wechsel der Stundengötter nach Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond dann wieder Regent der 8., der 15. und der 22. Stunde. In der 23. Stunde folgt der Jupiter, in der 24. Stunde der Mars. An dem folgenden Tag ist dann in der Folge der Planetengötter der Sonnengott der Regent der 1. Stunde. Der Sonnengott macht damit diesen ganzen auf den Samstag, den Saturn-Tag, folgenden Tag zum Sonn-Tag, und wird dann an „seinem“ Sonn-Tag im Wechsel der Stundengötter wieder Regent der 8., der 15. und der 22. Stunde; in der 23. Stunde folgt die Venus, in der 24. Stunde der Merkur. An dem darauf wieder folgenden Tag ist dann in der Folge der Planetengötter die Mondgöttin Luna die Regentin der 1. Stunde. Die Mondgöttin Luna macht damit diesen ganzen auf den Sonntag folgenden Tag zum Mond-Tag, zum lundi oder lunedi, bei uns zum Montag, und so geht es fort: So springt diese Folge der Tagesregenten jeweils über drei Planetensphären hinweg von einem Planetengott zum anderen und damit von einem Wochentag zum anderen: vom Mond weiter zum Mars, und damit zum mardi, zum Dienstag; vom Mars zum Merkur, und damit zum mercredi, zum Mittwoch vom Merkur zum Jupiter, und damit zum jeudi, zum Donnerstag; bis dann der Freitag, vendredi oder venerdi, der Tag der Liebesgöttin Venus, mit der Stunde der Venus
beginnt und mit den Stunden des Merkur und des Mondes zu Ende geht und bis dann schließlich der Saturn den nächsten Tag wieder zum Samstag macht. Damit hat sich der Kreis dieser sieben Wochentage und ihrer Tagesgötter, dieser siebenmal vierundzwanzig, insgesamt 168 Tagesstunden und ihrer Stundengötter stimmig geschlossen, und die Zahlen-Fans unter Ihnen wissen auch, warum das so schön aufgeht: weil die vorgegebene Siebenzahl der Planeten und die gleichfalls vorgegebene Vierundzwanzig-Zahl der Tagesstunden glücklicherweise keinen gemeinsamen Teiler haben.
Und jetzt wissen Sie, warum heute gerade Dienstag ist - nämlich eben doch, weil gestern Montag war und vorgestern Sonntag und vorvorgestern Samstag, und so weiter, und so weiter, und so weiter, von einer Woche zur anderen - bis zu dem einen epochemachenden Tag
in hellenistischer Zeit vor mehr als hunderttausend Wochen und drei Tagen - auf die drei Tage kommt es an! - , an dem ein babylonischer oder ägyptischer Sternkundiger dieses ganze Karussell der Stundengötter und Tagesgötter erstmals hat anlaufen lassen und erklärt hat:
Heute ist Kronostag, Saturnstag, Saturday, Samstag!
Klaus Bartels, Zürich
Zum Autor:
Klaus Bartels, geb. 1936, seit 1964 in Kilchberg bei Zürich. Studium der Klassischen Philologie und der Philosophie in Tübingen, München und London, Promotion bei Wolfgang Schadewaldt; Verlagstätigkeit bei Artemis; langjährige Lehrtätigkeit an der Zürcher Kantonsschule. Vielfältige publizistische Engagements: Zahlreiche Radio-Matineen, jahrzehntelang laufende Zeitungsrubriken - „Streiflichter aus der Antike“, „Wortgeschichten“ - in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und in der „Stuttgarter Zeitung“. Jahrespreis 2004 der „Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur“. - Neuere Buchpublikationen: Veni vidi vici. Geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen (durchgehend erneuerte und erweiterte Neuausgabe bei Philipp von Zabern 2006, 12. Auflage, Mainz 2008); Roms sprechende Steine. Inschriften aus zwei Jahrtausenden (3. Auflage, Mainz 2004); Internet à la Scipio. Neue Streiflichter aus der Antike (Mainz 2004); Sammlungen von je 77 „Wortgeschichten“: Wie Berenike auf die Vernissage kam (3. Auflage, Mainz 2004), Wie die Murmeltiere murmeln lernten (Mainz 2001), Trüffelschweine im Kartoffelacker (Mainz 2003), Die Sau im Porzellanladen (Mainz 2008).
|
|